BLOG 17 Indien 2 Tamil Nadu Süd

Mi 11.04. Thoothucudi (km 8086)

In den letzten drei einhalb Tagen hab ich mich 145 km vom Flughafen Madurai nach Süden bewegt. Erst jetzt habe ich wieder eine Sim Karte, und erst jetzt hab ich mitbekommen, dass sich Indien in dieser Frage mit Aserbaidschan und Nordkorea (das ist eine Unterstellung) auf die gleiche Stufe stellt: es gibt keine Sim Karten für Ausländer. Bei meiner ersten Einreise nach Mumbai hat mir ein freundlicher Passant einen Handy shop gezeigt, wo man Sim Karten bekommt. Die beste, die es gibt, 84 Tage lang, jeden Tag ein Gigabyte, viel mehr als ich brauche, hat umgerechnet 40 € gekostet. Heute 6! Die Differenz war also die Provision für meinen Helfer, aber das haben sie mir natürlich nicht gesagt. Diesmal hab ichs alleine versucht, und dabei habe ich erfahren, dass es nicht geht. Man braucht einen speziellen Ausweis und den kriegen Ausländer nicht. Dann muss man noch seine Fingerabdrücke abgeben.

Ich habe das mehreren Leuten erzählt und gefragt, ob jemand für mich die Scheiß Sim Karte kaufen kann. Einer hätte es gemacht, aber der wollte, weil es schwer kriminell ist, 5000 Rupies. Das sind über 60€. Ich konnte ihn auf 3000 runter handeln, aber dann hat er doch kalte Füße bekommen und mir einen legalen Versuch empfohlen. Ich soll in der nächsten größeren Stadt (Thoothucudi) zur Stadtverwaltung gehen und denen mein Leid klagen und fragen, ob es einen legalen Weg gibt. Finde ich eigentlich auch besser. Bei der Fragerei habe ich die Begründung, wofür ich Internet brauche, geübt, und so hätte ich denen einige Argumente um die Ohren hauen können: Meine Freunde und Familie erwarten ein Überlebenszeichen von mir, nicht einmal, sondern täglich. Diese Regeln sind bescheuert und ein sehr unfreundlicher Akt gegenüber eueren Gästen, ich werde eine Reisewarnung an alle meine Freunde verschicken. Fahrt bloß nicht nach Indien! Glaubt ihr, ihr seid die Besitzer des Internets? Das muss frei sein und für jeden zugänglich, auch für mich. Aber so weit kam es nicht. In Thoothucudi habe ich einem freundlichen jungen Mann die Geschichte auch erzählt, der hat mich sofort in den nächsten Telefon Shop geschleppt, und so eine Sim Karte gekauft. Irgendeinen Lohn dafür hat er abgelehnt, und so hat die gleiche Sim Karte 500 Rupies gekostet. 

Der Stadtbach in irgendeinem Kaff. So sehen sie meistens aus. 

Heute hatte ich wieder einen platten Reifen. Das war wieder eine Lehrstunde über die erdrückenden Menschenmassen und ihre unglaubliche Distanzlosigkeit. Kaum bin ich stehen geblieben, war ich von 20 Leuten umzingelt, und die rückten mir so nah auf den Pelz, dass ich nur schwer Platz zum Arbeiten hatte. Um an mein Werkzeug zu gelangen, musste ich einen Teil des Inhalts meiner Box ausleeren und dabei musste ich ihnen die Sachen fast auf die Füße legen, und nicht aggressiv werden. Das würde keiner verstehen. 

Und Zeit spielt keine Rolle, wenn ich 3 Tage bräuchte, würden sie auch 3 Tage da stehen. Für mich ist das nur sehr schwer erträglich, aber vielleicht kann ich ja von ihnen noch was lernen. Logischerweise hat die Reparatur nicht geklappt, der Reifen war danach immer noch undicht. Inzwischen war es dunkel geworden, das war auch mitschuld. Mit 20 mal nachpumpen bin ich noch 2 km weiter gekommen und hier ist wieder ein kleiner Tempel, das sind angeblich die sichersten Plätze, und meine bisherigen Erfahrungen bestätigen das. Morgen früh versuche ich es bei Tageslicht nochmal. 

Do 12.04. Tiruchendur (km 8116)

Das war heute mit nur 30 km ein Ruhetag. Während ich gestern meinen Bericht geschrieben habe, hat mir ein junger Mann "Gesellschaft" geleistet. Obwohl er kein Wort Englisch konnte, hat er permanent auf mich eingequatscht, obwohl ich demonstrativ konzentriert geschrieben habe. Aber das war ihm unglaublich egal. Auch dass ich ihn offensichtlich nicht verstehe. Schließlich hab ich doch verstanden, dass er Hunger hat und Geld will. Ich gab ihm 50 Rupies, das reicht für eine einfache Mahlzeit. Dann habe ich herausgehört, dass er für mich auch einkaufen will. Ich machte ihm pantomimisch klar, dass ich schon gegessen habe und nichts mehr will. Er zog dann ab, kam aber 10 Minuten später wieder, setzte sich vor mir auf die Erde und breitete seine Beute vor sich aus. Es waren pfannkuchenähnliche Brote, Ruties heißen die, die zerreißt man zu einem Haufen mundgerechter Stücke, gießt eine scharfe Soße darüber, die gibt es meistens mit Gemüse oder Hühnchen, er hat Gemüse gekauft. Sie war in einer extra Plastiktüte. Das ganze vermantscht und ißt man natürliche mit den Händen. Und jetzt sollte ich mich zu ihm setzen und mitessen. Meine Ablehnung hat ihn nicht im geringsten beeindruckt, er wiederholte seine Aufforderung an mich, mitzuessen, unglaublich oft. Ich schätze 20 mal. Ich musste meine Ablehnung immer drastischer zum Ausdruck bringen, er hat es erst kapiert, als ich ihn anbrüllte, und mich woanders, weiter weg von ihm, hinsetzte. Der war nicht etwa verrückt. In Europa wäre diese Diagnose eindeutig klar. In Indien nicht. Hier sind nämlich alle so. Oder so ähnlich. 

Fr 13.04. Nadar Uvari (km 8159)

Weil hier Sonnenauf- und - untergang jeweils um viertel nach 6 ist, gehe ich meistens früh schlafen und wache früh wieder auf. Meistens schon um halb 5. Das liegt auch daran, dass um diese Zeit um die Tempel  ein geschäftiges Treiben beginnt. Jedenfalls habe ich diesen Rhythmus inzwischen drin. Um 5 war meine Ausrüstung verpackt, immer noch finstere Nacht. Ich bin dann erst mal frühstücken gegangen. Manche Lokale fangen tatsächlich so früh an. Die Inder wundern sich immer, wie viel Zeit ich zum Essen brauche. Das ist bei ihnen genau umgekehrt. Zu meiner Belästigung haben sie unendlich viel Zeit, das Essen darf höchstens 5 Minuten dauern. Mit Tee hinterher und ein paar Internet Recherchen habe ich eine Stunde da verbracht. So lange musste ich eh warten, bis es hell genug war, dass ich meinen Reifen flicken konnte. Und diesmal hat es keiner mitbekommen, so konnte ich ungestört arbeiten. Unter solchen Bedingungen dauert das noch 5 Minuten und ist anschließend dicht. 

Sa 14.04. Puthalam (km 8208)

So ein Ruhetag tut gut, danach gehts gleich besser. Nur mit der Anteilnahme der Inder wird es nicht besser. Einmal habe ich jemandem alles erklärt und als ich dann endlich weitergehen konnte, stoppte mich der nächste nach 10 Metern. Ich war nah dran auszurasten, konnte mich aber noch höflich entschuldigen und hab ihm gesagt, ich kann nicht mehr. 1000 mal am Tag die selben Fragen, und das seit 3 Monaten, frag den da, und habe dabei auf seinen Vorfrager gedeutet (Die tun sowieso nichts lieber, als ihre neuesten Erkenntnisse anderen mitzuteilen und im Glanz ihres Wissensvorsprungs zu baden). Man sieht deutlich, wie sie es genießen, nun endlich mal im Mittelpunkt zu stehen. 


Den Cashewnussbaum kennt vermutlich kaum jemand. 

Heute bin ich über das Süd Cap hinaus gekommen. Das heißt hier zwar so, aber es gibt keinen südlichsten Punkt. Jedenfalls nicht für mich erkennbar. Da verläuft ein 2 km langer Küstenabschnitt genau in Ost-West Richtung. Die Stadt dort heißt Kanyakumari. An der Westseite Indiens verläuft eine Gebirgeskette bis unmittelbar vor diese Stadt. Östlich davon, auch bis an die Stadtgrenze, haben sie einen Windpark gebaut, die Straße führt mittendurch. Mehr als 30 km lang, seit gestern Abend. Die Abstände schätze ich auf 300 m, also das müssen 10.000 Windräder sein. Dazwischen habe ich auch übernachtet. Die Küste war etwa 500 m entfernt, und nachdem die Grillen nachts ihren Lärm eingestellt haben, konnte ich das Meer rauschen hören, sogar jede einzelne Welle. Aber die Windräder habe ich nicht gehört. Gar nichts. 


Die schwarzen Striche am Himmel sind Hochspannungsleitungen, das ist irgendein Übertragungsproblem. In meinem Foto Archiv sieht es nicht so aus. 

In diesem Windpark gibt es Dörfer und ganz normale Landwirtschaft. Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand daran stört. Wenn ich an die Menge Ökostrom denke, könnte ich neidisch werden.

In Kanyakumari hab ich gegessen und in der Gaststätte stand auf einem Regalbrett über der Tür eine riesige Batterie, aus der sie sich bei Windstille bedienen können. Sieht so aus, als ob sie dort gar keinen anderen Strom mehr haben. 

So 15.04. Pudukadai (km 8251)

Das ist jetzt die selbe Bergkette von Südwesten. Diese Bergkette heißt Westghats, aber der südliche Ausläufer hier, das sind die Kardamom Berge. Der Fluss (oder die Lagune) gehört zu den berühmten Backwaters. Davon gibt es hier im Südwesten viele. Oft sind es auch Altwässer (ehemalige Flüsse, die durch Erosion abgetrennt wurden). 

Junge Bananen mit Blüte. 

In der Ecke von Indien gibt es überdurchschnittlich viele Christen, und die sind zersplittert in mehrere verschiedene Sekten.

Was die Moslems alle paar Stunden von ihren Minaretten verbreiten, das machen auch die Hindus, die Christen und die Buddhisten, teilweise noch intensiver und aggressiver, sie würden sagen offensiver, manche permanent. Die Säkularisation war eine rein mitteleuropäische Angelegenheit. Am Rest der Welt ist das spurlos vorüber gegangen. Ich verstehe ja nicht, was die sagen oder singen, aber ich sehe und höre, was die Leute denken und glauben und bin zu der Überzeugung gekommen, es handelt sich dabei um permanente und perfekt funktionierende Gehirnwäsche. Wenn alle so total und zweifelsfrei glauben, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, halte ich das für eine gefährliche Situation. Sie sind den anderen Religionen gegenüber nicht wirklich tolerant, sie geben das nur vor, um des lieben Friedens willen. Da braucht nur ein buddhistischer Lastwagen Fahrer einen muslimischen Jungen zu überfahren (oder umgekehrt), dann ist Schluss mit tolerant, dann wird der gelyncht und ein Bürgerkrieg bricht aus. Wenn es um ihre religiösen Werte geht, ist jeder sofort bereit, den Märtyrer zu spielen.

Und ich laviere mich dazwischen durch und nutze die Situation zu meinen Gunsten. Wenn ich bei einem Tempel übernachte, bin ich ein gern gesehener Gast des Allerheiligsten und niemand wagt es, mich zu überfallen und auszurauben. Nach dem Motto: was du dem Geringsten unter meinen Gästen hast getan, das hast du mir getan, fühlt sich jeder zu meinem Schutz berufen. Das funktioniert auch in allen Religionen. Und ich fühle mich, als würde ich auf dem Vulkan tanzen. 

10 km von hier ist die Grenze zu Kerala. Um der Übersichtlichkeit Willen gibts morgen wieder eine neue Seite.