Blog 3 Türkei

Di 13.06.17 Karaagac, Türkei (km1770)

Ich bin in der Türkei, in einem Vorort von Edirne. 

Do 15.06. Havsa (km 1800)

Gestern habe ich doch mal einen Ruhetag eingelegt (wegen meinem Hinterbein), heute bin ich in Havsa. Internet ist hier sehr spärlich und es ist schon ziemlich spät und ich muss mir noch einen Zeltplatz suchen. Darum muss ich es heute wieder kurz machen, aber ein ausführlicher Bericht folgt.

Mo 19.06. BABAESKI (km 1840)

Ich habe immer noch keine türkische Sim Karte und Internet ist hier schwer zu finden. Jetzt hab ich wieder einen Zugang gefunden, ausserdem regnet es in Strömen, schon seit 3 Tagen immer wieder. Die letzten 2 Tage habe ich nochmal Pause gemacht, heute habe ich schon die ersten 10km hinter mir, bis jetzt spüre ich nichts. Also glaube ich, nun ist es gut.

Meine Erfahrungen mit den Türken sind sehr gut. In keinem Land bisher habe ich mich so wohl und sicher gefühlt wie hier. Nicht mal bei den Griechen. Gleich am ersten Abend, ich hab gerade Edirne verlassen, da war eine Polizei Station am Ortsende, haben mich die Bullen zu sich gerufen, und haben mir, ohne was zu fragen, eine Flasche Wasser und eine Plastiktüte mit warmen Alubehältern in die Hand gedrückt. An der nächsten Bushaltestelle war eine Sitzgelegenheit, da hab ich ausgepackt. Drinnen war eine Schale mit Suppe, eine mit Reis, eine mit Antipasti und eine mit einer süßen Nachspeise. Alles gute mediterrane Qualität ( mal abgesehen vom Aluminium und der vermutlich zu langen Warmhaltezeit). 

Am Freitag standen Straßenarbeiter am Straßenrand, die haben mich zu sich gerufen, haben mir gekühltes Wasser gegeben und mir eine Stunde lang Löcher in den Bauch gefragt. Sie machten grad Pause. Zum Abschied sagten sie, dass sie mich lieben. Fast täglich werde ich von Leuten, die an einem Cafe sitzen, zu einem Kaffee oder Tee eingeladen und muss erzählen. So auch jetzt gerade wieder. Also die Versprechen von dem türkischen Freund auf der Fähre von Rumänien nach Bulgarien haben sich bisher voll bestätigt. Soeben wurde mir ein 2. Tee gebracht. 

mi 21.06. Muratlı ( km 1900)

der Tee ist gut, kann mich daran gewöhnen. Geht aber nur mit Zucker. Beim Kaffee kann man wählen zwischen türkischem- und Neskaffee. Aber auch daran kann man sich gewöhnen.

Jetzt habe ich endlich eine türkische Sim Karte. Damit hat die Internet Trockenzeit ein Ende, auch der Strommangel wird dadurch gemildert, weil ich meine Aufenthaltszeit im Cafe nicht fürs Internet, sondern mehr zum aufladen nutzen kann. Gestern Nacht hatte ich wieder Besuch von Wölfen. Ich hatte mein Zelt in einem Sonnenblumenfeld aufgeschlagen, die Sonnenblumen sind inzwischen so hoch wie ich. Und ich muss auch aus Platzgründen keine Pflanzen zerstören, es gibt immer wieder Lücken, wo nichts wächst. Ich habe gehört, dass da im Feld auch große Tiere unterwegs sind. Hasen und Mäuse sind nicht so laut. Aber

ich dachte eher an Rehe. Um halb vier in der Früh plärrt zum ersten Mal der Lautsprecher vom Minarett der Moschee los. Früher hat das wohl ein Mullah persönlich gemacht, aber die Lautsprecher haben viele Vorteile. Sie sind einfacher und 100 mal so laut und fast auf die Sekunde pünktlich. Bevor ich wieder den Faden verliere: Mit den Koranversen haben rings um mich plötzlich 3 oder 4 Wölfe mitgeheult. morgens beim einpacken sah ich dann auch ihre Fußabdrücke rings um mein Zelt. Der Erdboden dort war kuschelig weich. Diese  Fußabdrücke sind so groß wie von einem großen Schäferhund, aber wenn Hunde mich austöbern, veranstalten sie immer eine mordsbellerei. Die Wölfe haben keinen Ton gesagt. Mittlerweile fühle ich mich in ihrer Gesellschaft recht wohl.

Nochmal zu den Lautsprechern. Nachts hört man sie 5 km weit. Das hätte kein Mullah geschafft. Und man hört dann die Gesänge von mehreren umliegenden Städten und Dörfern gleichzeitig, bzw fast gleichzeitig. Sie sind nur um Sekundenbruchteile zeitversetzt (jetzt beim schreiben fällt mir ein, dass das ja auch an den unterschiedlichen Entfernungen liegt) das hört sich direkt  lustig an. Wie bei uns das Glockenläuten. 

Wenn ich hier etwas konsumieren will, muss ich ungefähr  jedes 2. Mal nichts bezahlen und jeder Widerstand ist da zwecklos. Oft auch ohne dass ich ein Wort zur Erklärung abgeben muss, wer ich bin und was ich hier mache. Das ist eh jedem klar. Gestern habe ich wieder mit einer Gruppe, meist sind es alte Männer, gesprochen, einer konnte wieder deutsch. Und der sagte gleich: ja bist du blöd? So weit ist mein unternehmen von ihrem Vorstellungsvermögen entfernt. Dabei musste ich Tee trinken, bis er mir aus den Ohren kam. Nach meiner Frage nach dem nächsten Bankomat haben sie ihre Geldbörsen gezogen und haben Scheine auf den Tisch gelegt, zwei mal 10 und einmal 20 Lira (Wenn s sein muss und man sich auf die Grundnahrungsmittel beschränkt und selber kocht, kann man damit eine Woche überleben). Und die Antwort war in 18 km. Auch hier war mein Widerstand zwecklos. Sie  haben darin eine Art Sponsoring gesehen, auch um mich zu motivieren, meinen Plan nicht aufzugeben und durchzuhalten. Auch der, der mich anfangs fragte ob ich blöd bin.


Während ich hier auf die Freischaltung meiner neuen Sim Karte warte, schreibe ich dies und lese ein bisschen Nachrichten. Zum Thema Populismus habe ich Zweifel. Damit wird suggeriert, dass das Volk so eine Politik will, und die Politiker sollten dieser Versuchung gefälligst widerstehen. Auch hier hat niemand Verständnis für die deutsche Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Ich werde oft darauf angesprochen, und ich sage, dass ich es gut finde und dass wir uns das leisten können und mit noch ein paar mehr Zugeständnissen sogar davon profitieren könnten. Ich höre dann nur Gegenargumente. 95% junge Männer, die zuhause bleiben und ihr Vaterland und ihre Familien verteidigen sollen. Alles Terroristen, und wir sehen ja, was die jetzt in Europa anstellen. 

Shimon Perres, Friedensnobelpreisträger, hat auf dem Welt Wirtschaftsforum in Davos eine Geschichte erzählt: fragt ein Professor seine Studenten, wann der Tag beginnt. Einer sagt, wenn es hell genug ist, dass er ein Schaf von einem Hund unterscheiden kann. Es kamen noch mehr ähnliche Antworten. Alles falsch, so der Professor. Der Tag beginnt und die Nacht endet, wenn ein Fremder kommt und wir denken, es ist unser Bruder. Dann enden alle Probleme und es wird Frieden. 

Es sieht auf den ersten Blick verrückt aus.

Ich bin ein Fremder, komme ungebeten in ihr Land und werde empfangen wie ein Bruder. Auch umgekehrt wirkt das, sie wachsen mir ans Herz und ich beginne, für sie zu empfinden wie für Brüder und Schwestern.

Das passt doch überhaupt nicht zusammen. Meine Erklärung: diese Ablehnung  ist überhaupt nicht Volkes Wille, das wird ihnen eingeredet von gewissen(losen) Politikern und Medien. Manche Politiker haben einen fiesen Trick gelernt. Sie reden uns Gefahren und Risiken ein und spielen dann den stärksten Kämpfer gegen diese. Dafür bekommen sie Zustimmung, Macht und Einfluss.  Und das funktioniert tatsächlich, nicht nur in Ungarn und Polen, überall. 

Do 22.06. TEKIRDAG (km 1926)

Ich bin am Marmara Meer, ungefähr 10km östlich von Tekirdag. Hatte Sehnsucht nach dem Meer. Nach Istanbul sind es noch 110 km. Es gibt nur eine Autobahn, auf der kann man auch gehen, da fahren auch Traktoren, aber Spaß macht das nicht. Ich hab da einen Campingplatz gefunden, den ersten meiner Reise, aber der ist sowas von abgefuckt, sowas hab ich noch nicht gesehen. Die 20 Lira (5€) für eine Nacht finde ich da schon Wucher.


Fr 23.06.MARMARAEREGLISI (km 1956)

Inzwischen bin ich 2 Monate unterwegs seit meiner Winterpause, ab Österreich. 

Gestern habe ich noch erwogen, ein bisschen länger auf diesem Campingplatz zu bleiben aber ein Regenschauer am späten Nachmittag hat meine Tcoleranz endgültig zum Scheitern gebracht. Der ganze Platz stand unter Wasser, da war ein Graben, in den die Dauercamper (und das waren alle ausser mir) auch das Abwasser, auch das ihrer Waschmaschinen leiteten. Und das mischte sich mit der Überschwemmung und verteilte sich auf dem ganzen Platz. WC war schon separat, aber alle Wege wurden zum knöcheltiefen Morast. Für eine Entwässerung des Platzes müsste man nur 20 m Kanalrohr  zum Meer legen, einen halben Meter tief.

Aber mein Zelt hält wunderbar dicht.

Nach 15 km habe ich einen Menschen eingeholt, den ich schon nach 5 km zum ersten Mal in der Ferne sah, was mich sehr erstaunte. Das war das erste mal, dass jemand auf freier Strecke zu fuß geht und noch dazu so weit. Ich quatschte ihn an, er kann besser englisch als ich. Er entpuppte sich als Franzose, der auf dem Weg um die ganze Welt ist, zu Fuß. Er ist schon im Februar gestartet, und trägt sein Gepäck (er meint 7 oder 8 kg). Im Vergleich zu mir also äußerst spartanisch. Ich wollte ihn auf einen Tee einladen, aber wo wirs versucht haben gab's keinen. So haben wir halt Wasser getrunken. Er hat dann noch eine Dose Bier gekauft, aber als wir die trinken wollten, kam der Ladenbesitzer herausgestürmt und hat uns das untersagt. Erschwerend kommt hinzu, dass die grad Ramadan haben, das macht sie irgendwie empfindlicher. Hubert heißt mein neuer Freund, und er konnte sich köstlich aufregen über diese Doppelmoral. Spielt den muslimischen Saubermann, hat aber nichts dagegen, mit dem Verkauf von Alkohol Profite zu machen. Wir sind dann noch 15 km weiter gegangen, bis zur nächsten größeren Stadt, Marmaraeregli. Wir waren auf der Suche nach etwas essbarem, da hat mich jemand auf englisch angesprochen und gefragt was wir suchen und ob er uns helfen kann. Ich hab ihm gesagt, dass wir Hunger haben, daraufhin hat er uns gleich ins nächste Restaurant geführt, wir haben uns was ausgesucht, besser gesagt, ich hab das gemacht, Hubert ist auf dem Gebiet nicht so abgebrüht wie ich, er hat sich nicht getraut, weil der Typ gesagt hat, dass er alles bezahlen will. Ich hab dabei nicht das Gefühl, dass ich ihn ausbeute oder dass der Deal irgendwie unfair wäre. Schließlich leisten wir ihm Gesellschaft, erzählen ihm unsere Geschichte und er kann sich mit uns schmücken, sein Wissensvorsprung verschafft ihm unter seinen Freunden mehr Aufmerksamkeit, er ist mindestens für den Abend der King. Dafür macht er das.Ich will das überhaupt nicht abwerten, ich versuche nur, ganz normale menschliche Motivation zu ergründen. Wir machen das doch genauso, jeden Tag.

Nochmal zum Hubert. Er ist 42 Jahre alt und macht sowas oft. Zwischendurch jobt er, da macht er alles, was kommt. Er ist leicht aggressiv erregbar und das merkt man sofort. An der Wortwahl und an der Körpersprache. Damit zieht er die Aggressionen anderer Menschen und Hunde förmlich auf sich. Er macht auch überwiegend positive Erfahrungen, aber nicht nur, so wie ich.

Zu meinen Erfahrungen mit Hunden:

Vor ein paar Tagen kamen mir mitten in der Pampa, 3 große Hunde, laut und mit tiefer Stimme bellend, in die Quere. Ein deutscher Schäferhund, die beiden anderen noch größer. Im ersten Moment rutschte mir das Herz in die Hose und ich sah mich nach einer Waffe um. Da war nix. Dann hab ich mich aber schnell auf meine bewährte Taktik besonnen. Cool und freundlich bleiben. Ich ließ sie herankommen, sie bleiben 5m vor mir ebenfalls stehen und gebärden sich als wollten sie mich in der Luft zerreißen. Ich traue ihnen das auch durchaus zu.Trotz des Lärms den sie machen, begrüße ich sie freundlich, behaupte dass einer hübscher ist als der andere und dass ich mich freue, ihre Bekanntschaft zu machen, und das glauben sie mir. Das dauert keine Minute, dabei kommen sie immer näher und werden immer ruhiger. Zum Schluss lecken sie meine Hände ab, sind lammfromm und begleiten mich auf dem nächsten Km. Ich vermute, sie sind für die Strecke meine Sicherheits Eskorte. Aber leider wird es Ihnen bald langweilig und sie trollen sich wieder. Hinterher freut es mich tatsächlich, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. 

Hubert schwört in solchen Situationen aufs Steine schmeißen. Jetzt kann jeder selbst entscheiden, was die bessere Strategie ist.


Sa 24.06. silivri (km 1984)

Der Abend gestern ging noch fast bis Mitternacht. Wie schon beschrieben, es gibt nichts umsonst. Alleine hätte ich mich nicht getraut, so spät noch auf Zeltplatzsuche zu gehen. In der Sache ist Hubert sorgloser als ich. Wir haben dann bald einen schönen Platz auf einem Kinderspielplatz gefunden, sauber, gepflegt und horizontal eben. Er hat in einem Biwaksack gepennt und ich in meinem Zelt. Ich stelle mir das bei Regen nicht lustig vor. Aber da habe ich vom Hubert gelernt, dass es völlig egal ist, wenn uns frühmorgens jemand da sieht. Um 08:00 Uhr wollte er nicht frühstücken, sondern lieber weiterschlafen, da haben wir uns dann getrennt. Überhaupt kein Problem. Vielleicht begegnen wir uns bis Istanbul ja nochmal. Er will dann weiter in den Süden der Türkei, ich habe immer noch vor, am Schwarzen Meer entlang zu laufen/gehen. Sein Budget ist schon verdammt knapp, er muss/will mit 5€ pro Tag leben (20 Lira) , dagegen bin ich reich. Er hat mir erzählt, dass er mal einen 20 Liraschein gefunden hat und wie ihn das gefreut hat. Deshalb habe ich ihm, bevor ich weiterging und er noch schlief, 100 Lira in seinen Rucksack gesteckt. Das ist gut ein Viertel Jahr lang ein Lira mehr pro Tag.

So 25.06. büyükçekmece (km 2020)

Das ist ca 40km vor Istanbul. Die Städte sind hier alle schon zusammengewachsen, also endlos. Ich fürchte, die nächsten 100km komm ich da nicht mehr raus. Für die Nächte werd ich mir wohl einen Campingplatz suchen müssen, leider hat Google Maps davon keine Ahnung. 

Gestern Abend habe ich doch tatsächlich den Hubert wieder getroffen. Ich hatte mir gerade in einem Streetfood Schop ein Gebäck mit Quark drin gekauft, ziemlich fettig aber super lecker, und saß am Straßenrand auf einer niedrigen Mauer, um es zu verzehren, als ich ihn sah. Er machte gerade kehrt und wollte in  die andere Richtung zurück gehen. Ich lief ihm nach, er hat mich tatsächlich gesucht. Er hat mich schon seit ein paar km immer wieder mal gesehen. Das mit dem 100er kam dann so, wie ich befürchtet hatte. Er fühlte sich dadurch etwas herabgewürdigt, und es kostete mich einige Überredungskünste, dass er ihn behielt. Wir haben dann nochmal zusammen campiert. 

Am Nachmittag, es hatte 42 Grad Hitze, hat vor mir ein Polizeiauto gehalten. Der Polizist konnte englisch, fragte mich woher ich komme und wohin ich will. Dann erzählte er mir, dass er aus Kappadokien kommt, und dort muss ich unbedingt hin, weil es so schön ist. Er wünschte mir noch gut Traveling, gab mir die Hand und fuhr weiter. 

Di 27.06. Istanbul (km 2065)

Bis vor einer Stunde (jetzt ist es hier 16:00 Uhr) war ich mit Hubert zusammen. Jetzt gehen wir wieder jeder seine eigenen Wege.

Es ist schon gut, dass ich diese Reise alleine mach. Obwohl wir eine seltene Interessenübereinstimmung hatten, fällt es mir schwer, seine Interessen ständig mit zu berücksichtigen. Er kann das noch weniger. Und so waren wir schon ab und zu genervt.

Manchmal war er auch richtig peinlich, mit seiner großen Klappe. 

mit 28.06. karamürsel (km 2122)

Wir wollten in ein großes Sportgeschäft gehen. Am Eingang war schwer bewaffnetes Security Personal. Mit meinem Gepäck kann ich da nicht rein, stehen lassen vor ihren Augen geht auch nicht. Sie haben dann mit ihrer Oberaufsicht telefoniert und dann fast panisch reagiert. Dieses Gepäck muss raus und zwar sofort. Hubert wollte aber etwas kaufen, so haben wir uns an dem Punkt verabschiedet.

Es gibt in Istanbul auch keinen Campingplatz im Umkreis von unter 40km. Hotel wollte ich nicht. Und wie soll ich mir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten anschauen, wenn alle Angst haben vor meinem Gepäck? Wer weiß, was da drin ist? Ich muss einfach weiter. 

Ich habe mich dann bis zum Bosporus durchgekämpft, und bin beim Tunnel gelandet. Mein Navy hat mir gesagt, dass es da auch eine Fähre gibt. Ich hab ca 2 km vorher an einem Cafe nach dem Weg gefragt, der Oberkeeper konnte englisch, und hat behauptet, da gibt's kein Ferryboat, ich muss einen km zurück zur Metro, damit komm ich rüber. Der nächste Penner am Straßenrand hat mir dann den Weg zum Hafen gezeigt. Und diesmal hats gestimmt. Ich schreibe das schon mit einer gewissen Genugtuung, weil ich schon seit Jahren die Devise vertrete: glaube niemandem. Nichts. Alle meine Erfahrungen, nicht nur auf dieser Reise, aber hier sehr eindrücklich, bestätigen das. In der Beziehung hatte der rumänische Grenzer recht: don't trust anyone.

Am Hafen gab's jede Menge Fähren, der Eingang sah aus wie ein Flughafen Terminal. Ich hab dann die nächste Fähre nach nirgendwo bestiegen und bin in Jalowa gelandet, 40km südöstlich von Istanbul auf dem asiatischen Festland. Ist ja egal, wo ich gehe/laufe, ich kenne ja weder das eine, noch das andere. Also von hier nach z.B. Karasu am Schwarzen Meer ist es auch nicht weiter als von Istanbul. 

Hier draußen (weit weg von Istanbul) kostet alles plötzlich nur noch halb so viel. Die Mentalität war wie in jeder mitteleuropäischen Metropole. Man spricht fremde Menschen nicht einfach so an. Solche Hemmungen kennt man auf dem Land nicht. Dort grüßt auch jeder jeden. Ist mir alles wesentlich sympathischer.

Do 29.06. gölcük (km 2145)

In Istanbul nimmt niemand Notiz von Zebrastreifen und Fußgängern. Das hab ich nicht ein einziges Mal gesehen. Es ist tatsächlich lebensgefährlich, dort die Straße einfach zu betreten. Bis dahin hab ich sowas kein einziges mal erlebt. Beim ersten Mal musste ich direkt zurückspringen, der Blödmann hätte mich glatt überfahren. Da war nicht ein Ansatz von Verlangsamung erkennbar. Die sind es gewöhnt, dass sich niemand auf die Straße traut, wenn ein Auto kommt, Zebrastreifen hin oder her. Was Verkehrsplanung und Straßenbau betrifft, zählen  Fußgänger überhaupt nicht, und das war auf dem gesamten Balkan einschließlich Ungarn so, auch hier im asiatischen Teil ist das so. Das Wort barrierefrei haben die noch nie gehört. 35 cm hohe Bordsteinkanten sind nicht selten, plötzliche Engstellen sehr häufig, bei denen weder ich noch ein Kinderwagen durchkommen. Zäune, und Kilometerlange Leitplanken begrenzen den Gehweg. Oft schaffen sie noch zusätzliche Hindernisse,  z.B. Laternenpfähle oder Verkehrsschilder mitten im Weg, oder Bäume, die werden dort auch frisch gepflanzt. Dass Fußgänger auch Verkehrswege brauchen, ist ihnen völlig unbekannt. Brücken werden grundsätzlich mit großzügigen Gehwegen gebaut, km lange Leitplanken verhindern aber jegliche Benutzung. Die Leitplankenbauer habenn keine Ahnung, wozu Gehwege nützlich sind, die Brückenbauer aber schon. Und niemand kommt auf die Idee, diese Schlosser mal aufzuklären. Oder die Brückenbauer. Eine Brücke ohne Gehwege wäre vermutlich etwas billiger. Man könnte tatsächlich meinen, diese Gehwege sind überflüssig, weil sie eh keiner benutzt. Wie denn auch. Alles wird gnadenlos dem Auto- und LKW Verkehr untergeordnet. Die Straßen die es früher mal gab, sind inzwischen zu Autobahnen ausgebaut, Alternativen gibt's nicht. So müssen alle sie benutzen, auch Traktoren und ich. Zum Glück gibt's  (zumindest in der Türkei) wenigstens eine Standspur, aber wenn sie es für nötig erachten, wird diese zur 3. Fahrspur erklärt und mein Gehweg ist futsch. Oft sind dann 2 Leitplanken übereinander, so dass ich weder oben drüber, noch unten durch kann. Und keine Lücke, wo man dieser Todeszone entkommt. Wie gesagt, da geht sowieso niemand, die Leute dort wissen das. Wenn man jemanden nach dem Weg fragt, dann haben die keine Ahnung. Sie sagen dir, welchen Bus du nehmen musst oder die Metro oder ein Taxi. Aber zu Fuss gehen ist unmöglich, sagen sie. Alle! Ich werde oft nach meinem Alter gefragt, und die Antwort löst regelmäßig größtes Erstaunen aus. Wer es noch nicht weiß: ich bin 67. Die Menschen in meinem Alter gehen mit gebeugtem Rücken und am Stock. Ich werde dann gefragt, wie ich das gemacht habe, und ich sage, nicht rauchen und immer Sport oder zumindest viel Bewegung. Sie machen das Gegenteil, alle.  Sie meinen, da hat Allah die Finger im Spiel. Ich sage ja, mit seiner Hilfe kann ich diese Reise machen, und er würde euch ja auch gerne helfen, aber wenn ihr raucht, dann kann er auch nichts machen. Darauf folgt oft betroffenes Kopfnicken (in der Türkei bedeutet das wieder ja).

Fr 30.06. IZMIT (km 2157)

Heute früh konnte ich mein Smartphone nicht mehr aufladen. Die Frage nach einem Telefon Shop wurde sofort mit einem chai und 2 Broten belohnt, der Preis dafür war eine Koran Lehrstunde. Der Shop war nicht weit, aber ich musste nochmal eine Stunde warten, weil die erst um 10:00 Uhr aufmachten. In der Zeit hab ich den 2. Tee konsumiert Die Diagnose des jungen Mannes, der weder deutsch noch englisch konnte, war günstiger als ich befürchtet hatte. Bis 14: Uhr könnte er es machen und kosten würde das 50 Lira. Erleichtert stimmte ich zu und wartete solange, bei Tee Nr. 3 und 4, die bekam ich wieder gesponsert. Der edle Spender konnte wieder deutsch und kam dann mit in den Tel. Shop, weil er den Mechaniker dort kannte und er sich als Dolmetscher anbot. Mein Telefon war nicht repariert, der Schaden war doch größer als gedacht und die Reparatur würde unter den Umständen 150 Lira kosten und bis 18:00 Uhr dauern.  Bevor er mich zustimmen ließ, handelte er ihn auf 120 Lira herunter. Also nochmal 4 Stunden warten. Ich beschloss, die Zeit mit dem Besuch eines Friseurs zu verkürzen. Mein Bart war inzwischen so lang wie bei einem Taliban. 


Sa 01.07. IZMIT (2157)

Der Koaförü hat seine Arbeit gut gemacht 

Danach bin ich zum Strand zum Schwimmen gegangen. Das Mittelmeer ist in dieser langen Bucht richtig warm und relativ sauber. Sandstrand ist selten, sonst nur grosse Felsbrocken. In den Städten haben sie sehr schöne, nachts blau beleuchtete Uferwege, saubere, grüne Liegewiesen, Brunnen mit Trinkwasser, angenehmes Publikum, die grillen und picknicken da, überall die unterschiedlichste Musik.Um Mitternacht ist die Hälfte davon immer noch da, ohne erkennbare Absicht, nach Hause zu gehen.

Dort habe ich Ismael kennengelernt. 

Das ist er und so wohnt er. 

Rechts unter der Plane ist sein Kloo. Ich hab ihm gesagt, dass das aussieht wie Bangladesch und er wenigstens seinen Müll wegräumen soll. Er hat seit seinem 11. Lebensjahr in Augsburg gelebt, mit 35 ging er nach der Trennung von einer deutschen Frau wieder zurück in die Türkei. Seitdem ist er gerade noch so lebensfähig. Junkie war er schon immer, er hat mit 5 Jahren angefangen zu rauchen. Jetzt ist er 46, hat kaum noch Zähne, ist wütend auf sich und die Welt, beschimpft seine Familie und seine Mitbürger und die beschimpfen ihn und erklären ihn für verrückt. Ein Musterbeispiel, wie jeder seine Umwelt und sich selbst gestaltet, seine Lebensumstände erschafft. Dabei ist er ein einfühlsamer, herzensguter, liebenswerter Mensch. Er spricht mit den Tieren und wie er das übersetzt, klingt überhaupt nicht blöd. Und er kennt die Menschen schon, bevor er sie gesehen hat. Das hat mich doch etwas interessiert, so hab ich seine Einladung, bei ihm zu schlafen, angenommen. Ich konnte mich erst am nächsten Abend mit Gewalt losreißen und wenn es nach ihm ginge, müsste ich für immer dort bleiben. Wenn das nicht möglich ist, dann kommt er mit mir. In 3 Minuten war sein Rucksack gepackt und wir gingen zusammen noch 10km. Wir wollten dann Abendessen, der Wirt hat sofort seinen Cousin angerufen, der dann auch gleich kam. Yilmaz hat auch 40 Jahre lang in Deutschland gelebt, ist jetzt 53 und seit 2 Jahren wieder in der Türkei. Mit seiner Frau. Bezahlen durften wir wieder nicht.Das war wieder ein langer Abend, bis wir endlich einen Schlafplatz hatten, war es 02: 00 Uhr. Da wurde offenbar, was er mitgenommen hatte. Eine Jacke, Tabak, und 3 Feuerzeuge, von denen er aber eines verloren hat, weil der Rucksack Löcher hatte. Zum Schlafen bin ich überhaupt nicht gekommen, weil er da draußen Angst hatte und nicht mit quatschen aufgehört hat. Alle Ermahnungen waren wirkungslos. Am nächsten Morgen sah er ein, dass  es besser für ihn ist, umzukehren. Ohne mich. Da bin ich stur geblieben, was er überhaupt nicht verstehen konnte.  


Mo 03.07.caltiçak ( km 2203)

Ich bin jetzt da wo der Pfeffer wächst. 

Der türkische chai schmeckt mir immer besser. Dagegen kann man das, was sie als Kaffee verkaufen, glatt vergessen. Wer einmal italienischen Espresso kennen gelernt hat, findet das ungenießbar. Da wo man Tee bekommt, gibt's nichts anderes, höchstens noch diesen Kaffee, und das auch eher selten. Nichts zu essen. Wer Hunger hat darf sich was mitbringen und das dort essen. Oft gibt es auch so einen "Tante Emma" Laden gleich daneben. Bei Süßigkeiten haben die  das größte Angebot, und meistens kaufen die Leute dieses junkfood.

Ich bin nicht da, um sie zu erziehen, das zu tun was ich für richtig halte. Ich bin losgezogen die Welt zu sehen, das heißt, ich bin Beobachter und nicht Missionar. Manchmal kann ich mich doch nicht zurückhalten und gebe ungefragt kluge Ratschläge, wie z.B. schmeißt doch nicht euren Müll auf die Straße oder in die Landschaft, oder hört auf zu Rauchen, was natürlich völlig wirkungslos bleibt.

Diese Tee Kneipen heißen Cafe oder Bar oder chai Salon oder gar nichts. Die erkennt man nur daran, dass die Leute, d.h. Männer, hauptsächlich alte, da sitzen und Tee trinken. Positiv ist, dass sie zum Unterhalten oder Zeitung lesen keinen Alkohol brauchen, überhaupt sehr wenig konsumieren. So ein chai kostet hier am Land 12 bis 25 Eurocent, und davon trinken Sie einen oder zwei. Wie der Wirt davon leben kann, verstehe ich nicht. Die Frauen sind aus dieser Welt völlig ausgeschlossen. Ich habe den Eindruck, das  Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist dermaßen zerrüttet, dass die Frauen nicht mehr mit den Männern zu tun haben wollen, als unbedingt nötig. Je weiter ich nach Osten komme, umso mehr verhüllen sie sich. In Istanbul war es noch eine Minderheit, hier schon die Hälfte. Einen fremden Mann anschauen ist für sie absolut verboten und ausgeschlossen. Ich sehe oft, dass kleine Kinder ihre Mütter auf mich aufmerksam machen. Schau mal was da für ein komischer Mann kommt, oder so ähnlich. Die Mutter schaut natürlich nicht, das hat sie vorher schon sehr unauffällig gemacht. Die Kinder versuchen es mit mehr Nachdruck, erfolglos. Vielleicht erklärt sie Ihrem Kind: ich kann oder darf doch nicht einen fremden Mann anschauen. Warum nicht? Besteht die Gefahr, dass der es als Aufforderung missversteht, aufdringlich zu werden? Sie müssen schlechte Erfahrungen mit Männern machen, sonst würden sie sich anders verhalten. 

So kommt es,  dass ich fast nur alte Männer kennenlerne. Und doch habe ich auch Fans unter den Frauen. Einmal war ich in einem Lebensmittelgeschäft und der junge Ladenbesitzer befragte mich nach dem üblichen, wo ich herkomme usw. Danach wollte er für meinen Einkauf kein Geld annehmen. Ich musste dann auf der Straße auch einer Gruppe Kinder dasselbe erklären, währenddessen kam eine Frau und gab dem Inhaber eine Schüssel  mit Gebäck und verschwand so unauffällig wie sie gekommen war. Der, ich vermutete Ehemann, füllte es in eine Obstschale um und gab sie mir mit den Worten: das ist von meiner Frau. War herrlich schmeckendes Baklawa, soviel, dass ich davon satt wurde.

Ein anderes mal bin ich in eine Dönerbude gegangen weil ich nur eine Kleinigkeit essen wollte. Inhaber, Bedienung und Koch waren 2 Brüder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, 20 bis 25 Jahre alt, sprechen akzentfrei deutsch. Einer der beiden erzählte mir, dass er jetzt in der Türkei sein Abitur nachgeholt hat und Maschinenbau studieren will. In Deutschland  haben sie ihn in eine Sonderschule gesteckt. Ich sagte ihm, dass ich mich für mein Land schäme. Die wollten auch kein Geld von mir nehmen. 




Di 04.07. Karapinar (km 2239)

Das ist 10km südlich von Karasu am Sch warzen Meer. Heute war wieder ein Regentag. Es hat nicht durchgehend, aber immer wieder geregnet, manchmal ganz schön heftig. Meine Regenjacke ist dicht, aber für 27 Grad Celsius fast zu warm. So schwitze ich darin und werde auch nass. In den Regenpausen muss ich sie sofort ausziehen. Ohne ist es mir bei starkem Regen zu kalt.

In einem (weniger als ein) Dorf saß ein Mann am Straßenrand, um ihn spielten Kinder, ein Mädchen mit Kopftuch fotografierte sie dabei. Ich war noch nicht ganz vorbei, da rief er mir etwas zu. Ich grüßte und sagte, dass ich ihn nicht verstehe und ging dabei weiter. Das wollte er nicht hinnehmen und artikulierte seinen Wunsch, mit mir zu reden, mit mehr Nachdruck. Manchmal nervt mich meine Rolle als Superstar schon etwas und ich hätte lieber meine Ruhe. Aber hier war Widerstand nicht angebracht. Ich machte also kehrt, ging zu ihm und wir redeten mit Händen und Füßen und Googles Übersetzer. Im Nu war ich von 20 Menschen umringt, Alte, Junge, Kinder, 3 Smartphones waren gleichzeitig im Einsatz. Kinder brachten mir einen Teller mit Wassermelonenstücken, einen mit Baklawa, ein Glas Buttermilch, 2 Stühle, einen für mich und einen für den Opa, der war 75 Jahre alt und konnte oder wollte nicht so lange stehen. Die erwachsenen Frauen hielten etwas mehr Abstand. Auch hier war ich wieder der King. Am Ende wusste ich dass es sich um 2 Bauernfamilien gehandelt hat, eine mit 7, die andere mit 9 Kindern, Ehefrauen, Großeltern, Onkeln und Tanten. Nicht alle waren da, aber viele. Die Namen kann ich mir nicht alle merken. 

Und was soll da gefährlich sein?

Ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben am Schwarzen Meer. Der Himmel ist überwiegend bewölkt, es bläst ein starker Nordwind und die Wellen brausen mit 1 m Höhe auf einen braunen Sandstrand, der vom gestrigen Regen noch nass ist. Das Wasser ist braun vom aufgewühlten Sand, 200 m weiter draußen ist es grün und am Horizont schwarz.  Rechts neben mir planiert ein Bulldozer den Strand und befüllt einen Traktoranhänger mit Sand. Ich weiß nicht, ob sie ihn nur umverteilen oder stehlen. Die Uferpromenade hier in Karasu ist vorbildlich sauber, modern, mit sehr viel Gastronomie, Pavillons, Kioske, eine Musikgruppe baut gerade ihr Equipment auf. Das war jetzt mein erster Eindruck, ich schaue weiter nach Osten. 

Ich fange jetzt eine neue Seite an.