Blog 44 Chile

Di 09. 08. Santiago de Chile (Km 44.367)

Ich denke, es ist einfacher, wieder mit den gesamten Kilometern weiterzurechnen.

Das ist Veronica im Flugzeug von Auckland nach Santiago. Sie saß direkt neben mir, ist Chilenin und fliegt mit Ricardo, ihrem Mann, für ein paar Wochen in die alte Heimat. Sie leben und arbeiten schon seit vielen Jahren in verschiedenen Ländern, zuletzt in Australien. Die beiden haben mir über die letzten bürokratischen Hürden bei der Einreise nach Chile geholfen und sind dann weitergeflogen.

Chile ist nämlich riesig, zumindest was die Länge betrifft. Das Land liegt zwischen dem 17. und dem 56. Breitengrad Süd, das reicht vom tropischen Norden über 4.275 km bis in den arktischen Süden. Wenn man das auf Europa übertragen würde, reichte es von der Mitte Dänemarks bis zur Südsahara. Aber Dänemark hat noch lange kein arktisches Klima, das ist im Süden anders, weil die Antarktis nicht mal 1.000 km von der Südspitze entfernt ist. Das zeigt, wie riesig dieser Kontinent am Südpol ist. Und obwohl Santiago sogar noch ein bisschen (50 km) nördlicher liegt als Sydney, ist es hier deutlich kälter (5 - 10⁰) Erschwerend zur nahen Küste von Antarctica kommen noch die Anden dazu, die sich durch die gesamte amerikanische Westküste ziehen und bis weit über 6.000 m hoch sind. Auch hier. Sie beginnen gleich am östlichen Stadtrand und sie streiten sich mit dem Himalaya um die höchsten Passstraßen der Welt, jenseits der 5.000 m. Und da oben herrschen jetzt, im südlichen Winter, ebenfalls arktische Temperaturen. Irgendwann und irgendwo muss ich sie überqueren. 

Es gibt noch einen weiteren klimatischen Minuspunkt, der Humboldstrom verläuft hier an der Südamerikanischen Westküste ebenfalls von Süd nach Nord, wie der wärmespendende Golfstrom im Atlantik, logischerweise ist der hier saukalt.

Sa 13.08. Santiago (Km 44.449)

Obwohl es hier manchmal auch Frost hat, wachsen Palmen.

Jetzt bin ich 6 Tage hier und kann schon sagen, Chile übertrifft meine positiven Erwartungen, mit denen ich ankam. Bis jetzt wohnte ich in einem homestay, eine Privatwohnung für 10.000 Pesos/Tag, das sind ziehmlich genau 10,- €. Dieser Wechselkurs macht das Umrechnen einfach. Ab heute hab ich eine neue Bleibe, wieder umsonst, in einem aktiven Museum. Ich kann nicht nur bleiben so lange ich will, am liebsten hätten sie mich für immer. Mein Einwand, dass ich nur 3 Monate Aufenthaltserlaubnis (visafrei) habe, kostete sie nur ein mildes Lächeln. Dies sei das kleinste Problem. Nicht dass sie mich in der Scheune verstecken wollen, gleich in der Nachbarschaft wohnt der neue Präsident von Chile, auch sonst haben sie beste connections zur Regierung.

Das Haus heißt Museo Taller (kann man googeln), außer traditionellen handwerklichen Maschinen, Werkzeugen und Produkten bieten sie auch Kurse in Holzverarbeitung an. Und tatsächlich kommen jeden Tag massenweise Leute zum basteln. Es gibt ein Heer von Lehrern, die aber auch keine richtigen Schreiner sind. Eigentlich gibt es in Chile keine Berufsausbildung wie wir sie kennen. Trotzdem gibt es hervorragende Handwerker. Einer davon ist Jose, der hat eine eigene Werkstatt gleich gegenüber, bearbeitet richtige Kundenaufträge und arbeitet auch irgendwie mit dem Museum zusammen. Ja, und als sie hörten  dass ich ein deutscher Schreinermeister bin, war klar  dass ich wie gerufen komme. Und mit meiner Reisegeschichte bin ich sowieso nochmal eine besondere Attraktion. Wir haben uns also darauf geeinigt, dass ich hier einen neuen Anhänger bauen und umsonst wohnen kann, dafür teache ich die Lehrer in Holzverarbeitung und Maschinenkunde, aus sicherheitsgründen. Hobbyschreiner haben auf jeden Fall ein höheres Risiko, sich zu verletzen. Ihr seht, meine Glücksträhne hält an. 

Ich sagte für etwa 4 Wochen zu, ich muss Patagonien ja noch im Sommer ereichen und bis an die Südspitze brauche ich mindestens 4 Monate.

Fr 26.08. Santiago

Ich hab noch nicht mal angefangen, meinen neuen Anhänger zu bauen. Es gab noch eine Panne, von der ich hoffte, sie würde sich in Wohlgefallen auflösen, tut sie aber nicht. Ich vermisse immer noch einen Koffer, ausgerechnet den mit allen Anbauteilen, Räder, Werkzeug, auch mein Schlafsack und ein paar Schuhe und Klamotten waren da drin. Es muss auch ein Missverständnis gewesen sein, ich könnte schwören, sie haben beim Einchecken am Flughafen in Cairns gesagt, ich brauche mich nicht mehr um mein Gepäck zu kümmern. Es wird von den Fluggesellschaften umgeladen von einem Flieger in den nächsten. Erste Zwischenstation war in Sydney und 10 Minuten vor dem Start nach Auckland bekam ich eine Nachricht, ich soll doch mein Gepäck abholen. Zu spät. Das lag im Domestic Terminal, dort wo der Inlands-Flugverkehr abgewickelt wird. Inzwischen war ich aber schon auf der anderen Seite der Start- und Landebahnen, im International Terminal, auf der Straße 6km außen rum. Ich fragte dort eine Info Dame was ich machen soll, und die meinte, kein Problem, ich soll es bei der Ankunft melden, dann schicken sie meine Koffer dorthin. 

Eine Woche später haben sie mich benachrichtigt, dass mein Gepäck angekommen ist, und wohin sie es liefern sollen. Es dauerte nochmal ein paar Tage, dann wurde mir einer der beiden Koffer gebracht. Auf meine Frage, warum nur einer, sagte der Lieferant, er habe keine Ahnung, er ist nur der Fahrer und tut, was man ihm sagt. Ich also sofort beim Baggage Service protestiert, die haben auch sofort geantwortet, ich soll ihnen ein paar Minuten geben um nachzusehen. Sie melden sich gleich wieder. Das war vor 8 Tagen. Seitdem stellen sie sich tot, keine Antwort mehr. Wenn ich es richtig verstanden habe, war im Ticketpreis eine bescheidene Versicherung für das Gepäck enthalten. Das wäre wenigstens ein Trostpflaster. Während ich noch überlege, ob ich das alles neu kaufen soll oder kann oder will, oder statt dessen wieder mit einer kleineren Version weiterziehen soll, arbeite ich fürs Museum. Hier wurde eine Abstellkammer im 1.Obergeschoß (mehr gibt es in den alten Häusern hier in Santiago nicht, wegen der vielen Erdbeben) ausgebaut und renoviert, die Ziegelstein Wände traditionell mit Lehm verputzt, zum Schluss habe ich den Fußboden abgeschliffen und lackiert. Wenns nach mir gegangen wäre, hätte ich ihn lieber geölt, aber ich bin nur Gast hier, für eine kurze Zeit. Morgen ziehe ich um, wohne dann in diesem neuen Raum. Zwischendurch baue ich auch eine neue Treppe für ebendiesen Raum, die alte ist in sehr schlechtem Zustand. Bei der Holzauswahl habe ich mich auf chilenischen Expertenrat verlassen, ich hab ja keine Ahnung, was das für Hölzer dort sind. Wir haben dann gebrauchte Bretter aus schwerem roten Holz gekauft, billig im Vergleich mit deutschen Holzpreisen. Sie nennen es Eiche, sieht aber eher wie Buche aus. Inzwischen war ein Museums Besucher bei mir in der Werkstatt von José, er ist ein deutscher Tischler, der jetzt hier in Chile lebt und arbeitet, und der sagt, es ist eine Buchenart. Und ich mach daraus eine Außentreppe. Dümmer gehts nicht. Buche ist leider überhaupt nicht witterungsbeständig. Weder in Deutschland, noch in Südamerika.

Mi 07.09. Santiago

Ich habe meinen vermissten Koffer wieder. Francisco, das ist der Inhaber vom Museum, Taller ist kein Name, sondern das spanische Wort für Werkstatt, also er hat mir ein Taxi bestellt das mich zum Flughafen brachte. Dort soll ich nach dem Gepäck fragen.

Eigentlich habe ich nicht an einen Erfolg geglaubt, aber in der Situation klammert man sich an jeden Strohhalm der Hoffnung. Und ich habe mich geirrt, zum Glück. Sie mussten ihn nicht mal suchen, innerhalb von einer Minute brachten sie ihn mir. Damit sind einige Probleme gelöst, meine schon fertigen Pläne für eine kleinere Version kann ich wegschmeißen und ich trauere ihnen nicht nach. Jetzt brauche ich nur noch die Batterie und das Solarpaneel.

Das ist "meine" Straße, ziehmlich im Zentrum von Santiago. Kein Zufall  dass sie Libertad heißt, dies ist auch ein politisch linkes Zentrum. Die Frau an der Wand muss neu sein, sie liest die neue Verfassung oder besser gesagt den Entwurf, der dann leider bei der Volksabstimmung letzten Sonntag mit deutlicher Mehrheit abgelehnt wurde. Dies wäre die beste Verfassung der Welt geworden. 50% Frauen in jeder Regierung, Verwaltung, sogar in der Industrie zwingend vorgeschrieben, Schluss mit Privatbesitz von eigentlich staatlichen Aufgaben wie Strom, Wasser und Bildung, Selbstbestimmungs Rechte für die indigene Bevölkerung, ein Grundrecht auf Essen, Wohnen, Arbeit und ich weiß nicht was noch alles.

Klar, dass die besitzende Klasse da Panik bekommt und um ihre Privilegien fürchtet. Und leider ist es ihr wieder gelungen, die Stimmung zu drehen und den Leuten Angst zu machen. Bösartige Vergleiche wurden verbreitet wie Chilezuela oder Chiba. Ich hab mit einem Chilenen vor der Abstimmung darüber geredet,  er sagte mir sehr offen und ehrlich seine Meinung dazu und meinte das war das Werk von Kommunisten. 

Was ist an denen so schlimm, wenn sie so einen schönen Verfassungs Entwurf schreiben können?

So sieht meine Treppe jetzt aus
So sieht meine Treppe jetzt aus

So 09.10. Santiago

Die Chilenen sind begeisterte Wandbemaler. Das ist eine Schule in der Nähe und die Bilder sind nicht nur schön, sie haben oft auch historische Hintergründe. Die meisten verstehe ich natürlich nicht, aber das mittlere sehr wohl. Hier wurde Victor Jara ein Denkmal gesetzt. Der wurde 1973 von Pinochet und seiner Mörderbande umgebracht. Damals haben die Chilenen eine linke Regierung gewählt unter Salvador Allende. Deren Programm liest sich noch besser als der jetzt gescheiterte Verfassungsentwurf. Einer der für das Kapital härtesten Brocken war die geplante Verstaatlichung der Bodenschätze, hauptsächlich Kupfer. Dagegen hat Pinochet mit US amerikanischer Unterstützung am 11. September 1973 erfolgreich geputscht. Schon am nächsten Tag verhafteten sie den linken Sänger, Lieder- und Theatermacher Víctor Jara und 4 Tage später haben sie ihn erschossen.

So 06.11. Mendoza (Argentinien)

Ich mache einen Wochenend Ausflug, bin am Freitag mit einem Bus von Santiago nach Mendoza gefahren, 390 km. Die Grenze liegt fast in der Mitte und dort ist auch der Aconcagua, mit knapp 7.000 Metern der höchste Berg in Amerika, sogar der höchste weltweit außerhalb des Himalayas. Die Passstraße war aber nur 3.200m und so tief eingeschnitten in die Berge, dass ich den Aconcagua nicht gesehen habe. Morgen, Montag, fahr ich wieder zurück, dann bekomme ich nochmal 3 Monate Chile. Das erste viertel Jahr ist um und dies schien mir der einfachste und ein reizvoller Weg zu einer Aufenthaltsverlängerung zu sein. Hier ist es im Schnitt fast 10 Grad wärmer als in Santiago und die Gegend sieht sehr trocken aus, Einheimische bezeichnen sie als Wüste. Dafür gibts aber für meinen Geschmack zu viele Pflanzen.

Am Rückweg hab ich nochmal ganz genau geschaut. Hinter diesen Bergen, Blick nach Norden, kurz vor der Grenze, noch auf argentinischer Seite, da muss er liegen, der Aconcagua, etwa 20 km entfernt.

Mendoza ist eine nette "kleine" Stadt (nur 115.000 Einwohner), das Zentrum genauso schick wie das in Santiago. Dass Argentinien notorisch pleite ist, davon merkt man hier nichts. Die Leute sitzen in den Cafe's, gehen ins Restaurant, natürlich ist das nur der wohlhabendere Teil der Bevölkerung, die Mädchen machen sich schön, auch die Männer. In jeder Straße gibt es 3 bis 5 Friseursalons und die sind nicht nur alle gut beschäftigt, oft stehen die Leute (hier hauptsächlich Männer) Schlange vor dem Eingang. Das ist auch in Santiago so.

Wie in Asien glauben auch die südamerikanischen Männer, sie seien der oberste Zacken in der Krone der Schöpfung. Das schließe ich zumindest aus ihrer deutlich zur Schau gestellten Eitelkeit. Ich glaube, ich muss nicht mehr extra betonen, dass ich beides für blödsinnig halte. Der Ukrainekrieg und die Wahlen in den USA sind nur die neuesten Gegenbeweise für eine männliche Überlegenheit und die Entwicklung des Klimawandels zeigt doch, dass wir die dümmsten Kreaturen sind, die jemals diesen Planeten bevölkert haben.

Neulich habe ich gelesen, dass 125 Milliardäre soviel Kohlendioxyd erzeugen wie ganz Frankreich. Wozu brauchen wir Milliardäre? Noch dazu solche, die zur Wahl des Faschismus in USA aufrufen. Ja, die Republikaner sind seit Donald Trump eine offensichtlich faschistische Partei.

Mi 09.11. Santiago

Mein triciclo ist inzwischen fertig.

Mit selbstklebender Plastikfolie verkleidet in neuem Design. Die Solar Paneele hat mir Pancho geschenkt, 2 x 21 Volt/40 Watt in Reihe geschaltet macht das 42 Volt/80 Watt. Mein Festnetz Ladegerät leistet auch 42 Volt, das sollte also passen. Fehlt nur noch die Batterie. Es gibt hier in Santiago einen Mann, Miguel heißt er, der baut solche Batterien selber zusammen, verlötet einzelne Lithium Rundzellen und kann so jede beliebige Spannung und Kapazität erzeugen. Der hat auch die Batterien für Panchos Rollstuhl gemacht. Jetzt muss ich erst noch Pancho erklären. Das ist eine Art Abkürzung für Francisco und das ist der Boss vom Museum. Er hat Multiple Sklerose, kann nicht mehr gehen und auch nicht mehr sprechen. Zur Kommunikation benutzt er eine elektronische Tafel, auf die schreibt er alles was er sagen will mit dem Finger und löscht es nach jedem Satz wieder per Knopfdruck. Mit mir kommuniziert er in fast perfektem englisch. Telefonieren geht natürlich auch nicht, aber wozu gibt es Whatsapp.

Zurück zum Batterie Problem, genauer Exproblem: am Freitag, ich saß grad im Bus nach Mendoza, schrieb mir Pancho, dass Miguel ein Problem hat, das er nicht lösen kann. Auf meine Nachfrage bei ihm selber sagte er, er braucht mehr Zeit, aber nicht wieviel. Pancho hat einen Bruder, Adolfo heißt er, der besucht ihn ab und zu im Museum und der interessiert sich auch immer für mich und meine Konstruktion. Er erzählte mir von einem Menschen in Concepción (600 km südlich von Santiago), der auch solche Batterien baut, und zwar mit gebrauchten, recycelten Lithium Zellen. Finde ich noch besser, wegen dem ökologischen Fußabdruck. Bruno heißt der. Ich habe ihn angeschrieben, das wichtigste erklärt, und, Problem gelöst. Er baut mir diese Batterie innerhalb einer Woche, größer als die alte in Australien, die hatte 630 Wh, die neue wird 1080 Wh Kapazität haben. Klar wiegt die auch 2kg mehr, aber das entspricht gerade mal 2 Liter Wasser und so schwer war auch die 12 Volt Batterie, die ich um Australien zusätzlich mitgeschleppt habe. Ich fragte Miguel um sein Einverständnis den Auftrag bei ihm zu canceln, ja, war ok. Jetzt sehe ich, die Ungewissheit mit der Batterie hat mein Mitteilungsbedürfnis doch gedämpft.