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New Southwales

So 13.09. Sidney (Km 29.494)

Sowas hab ich in Asien auch nie gesehen.


Jetzt hab ich 3 gemütliche und wirklich angenehme Tage in Sidney verbracht, zuerst bei Isabell und Chris, dann bei Pilar und ihrer Familie. Alles sehr entspannt und stressfrei. Aber heute habe ich mich wieder auf den Weg gemacht, nach Westen, in Richtung Adelaide. Wies aussieht, brauche ich 2 Tage bis zum westlichen Stadtrand, dann gehts über die Blue Mountains, dort steigt die Straße auf über 1000 m an. Ich muss ja jetzt viel mehr Nahrungsmittel und Wasser mitschleppen, was meine Box viel schwerer macht, aber ich will nicht jammern, ich habs ja selbst so gewählt. Heute bin ich bis Auburn (Stadtteil von Sidney) gekommen.

Mi 16.09. Wentworth Falls (Km 29.579 / H 910)

Am Montag hatte ich keine Zeit und am Dienstag kein Internet. Wers genau wissen will: am Montag abend war ich immer noch nicht am westlichen Stadtrand, sondern in Werrington, am Dienstag mittag hab ich dann in Emu Heights die Stadtgrenze erreicht, das ist mehr als 60 km vom Zentrum, Höhe immer noch nur 40 m. Und hier beginnen die Blue Mountains und die erste Etappe ist auch gleich die steilste. Übernachtet hab ich dann in Eurama, das liegt hinter Faulkonbridge auf 400 m Höhe. Hier in Wentworth Falls und im nächsten Ort, der heißt Katoomba, gibts landschaftlich so viel interessantes, das muss ich mir morgen genauer ansehen.

Do 17.09. Katoomba (Km 29.593 / H 950)

Das Jamison Valley, Nordost Ecke, südlich von Wentworth Falls, Blick nach Süden. Es liegt tatsächlich sowas wie ein blauer Dunstschleier über den Eukalyptus Wäldern im Tal, daher der Name Blue Mountains. Es führen auch Wege hinunter, einer mit 800 Treppenstufen, es gibt mehrere Wasserfälle, aber ich verzichte. Erstens kostet es viel Zeit, zweitens weiß ich nicht wo ich mein Gepäck derweil lassen kann. Ich bleibe am oberen Klippenrand und genieße die Aussicht von hier oben.

Fr 18.09. Katoomba (Km 29.613)

Das sind die 3 Schwestern, findet man auch mit Google Maps. Kuriose Überbleibsel der Erosion. Nach geologischen Maßstäben, dabei ist die kleinste Zeiteinheit 1000 Jahre, werden sie auch bald ins Tal stürzen. Trotzdem vertrauen die Menschen auf die Zeitlupe, in der das aus ihrer Sicht abläuft, und bauen Wanderwege unterhalb, den Giant Stairway, das ist der mit den 800 Stufen, unten schreiben sie es sind 900 (die Wahrheit ist 870), gleich dahinter und sogar Klettersteige hinauf auf die erste von links. Der Wetterbericht sagt für die nächsten 3 Tage Regen voraus, da habe ich mich entschlossen, noch einen Tag hier zu bleiben, meine Wäsche zu waschen, und weil es dann immer noch nicht geregnet hat, diesen Wanderweg zu gehen, hinunter ins Tal (nicht ganz), entlang der Klippen und den Stairway wieder hinauf. Sie sagen auf den Hinweistafeln 3½ Stunden, das hab ich riskiert und es war wirklich eindrucksvoll. Tatsächlich hab ich eine Stunde gebraucht und dabei noch eine Menge Fotos gemacht. Ich bin auf einem Campingplatz nahe der nordwestlichen Ecke des Tals, in der Nähe der Katoomba Falls (Wasserfälle).

Sa 19.09. Mount Victoria (Km 29.633 / H 1075)

Das ist die erste der 3 Schwestern von links, d..h. von Norden. Die beiden anderen sind genau dahinter. Mein Standort: fast am oberen Ende des Stairway. Wenn das Jamison Tal mit Wasser gefüllt wäre, dann würden hier zwischen Wentworth Falls und Katoomba 4 Halbinseln ins Wasser ragen, heute hab ich noch die letzte westliche umrundet. Morgens war noch nichts vom Tal zu sehen, nur aufsteigender Nebel, aber schon bald kam die Sonne raus und weg war er, der Nebel. Und dann, ab Mittag ungefähr, hab ich mich wieder auf den Weg westwärts, hier erst mal nordwestwärts, gemacht. Mt. Victoria ist ein Ort auf einem vermutlich gleichnamigen Berg.

So 20.09. Marrangaroo (Km 29.665/H 910m)

Mount Victoria war bisher der höchste Punkt. Etwa 1 km weiter steht in der Karte Pass of Victoria, aber das ist Quatsch. An der Stelle war ich schon 100 m tiefer und es ging weiter steil bergab. Hier hab ich jetzt einen Zeltplatz in der Nähe des "Correctional Centre" gefunden, das ist der Knast.

Das sind Coccatoos (Kakadus). Es ist unschwer zu erkennen, dass es sich um eine Papageienart handelt. Die beiden kleineren Vögel sind Tauben. Sie haben ein unglaublich lautes Kreischorgan, sie müssen schwerhörig sein. Sie sitzen nebeneinander und kreischen sich gegenseitig mit 100 Dezibel an. Manchmal sitzen sie zu hunderten in einem Baum, dann versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Dann übertönen sie jeden Verkehrslärm um ein vielfaches. Auf dem letzten Campingplatz war auf einer Infotafel ein Papier, darauf haben sie vor ihrem aggressiven und destruktiven Verhalten gewarnt und jedem der sie füttert mit einem Platzverweis gedroht. Sie können ganze Häuser zerstören. Im Jamison Valley hab ich auch die seltenen schwarzen gesehen, die sind gleich groß und haben rote Schwanzfedern.

Mo 21.09. Napoleon Reef (Km 29.703/H 770m)

Mein höchster Punkt war heute 1170 m, in der Gegend um den Mount Lambie. Ich bin hier schon im Outback, also draußen im Hinterland. Hier haben im letzten Herbst die großen Wald- und Buschbrände gewütet. In Lithgow, 50 km hinter mir, hat mir jemand erzählt, ist das Feuer bis an die Stadtgrenze gekommen. Den Respekt vor dieser Katastrophe konnte ich in seiner Stimme immer noch heraushören. Hier im Süden dauert die Regenzeit bis einschließlich September und es regnet seit Katoomba jeden Tag, heute solls nur nachts regnen, aber noch tut sich nichts, er (der Regen) ist schon 2 Stunden überfällig.

Hier werden die Leute langsam aufgeschlossener, wirken weniger gehemmt (oder arrogant?), einige wagen es sogar schon mich anzusprechen und zu fragen, wohin ich gehe und woher ich komme. Auf der halben Welt, die ich bis jetzt kenne, gibts dieses Stadt-Land-Gefälle überall, mehr oder weniger stark. In Asien war es weniger stark. Hier in Australien kam ich mir bis jetzt vor wie ein Unberührbarer in Indien. Das ist die unterste Kaste, sie zu diskriminieren ist zwar schon lange verboten, und die meisten Inder leugnen auch, dass es dieses Problem noch gibt, aber ich habs oft genug mit eigenen Augen gesehen. Die sind nicht nur unberührbar, sie sind auch unansprechbar und unanschaubar. Dieses Kastensystem gibt es also auch in Australien und wie ich mich noch gut erinnere, auch in Europa. Nur will es da keiner so nennen, seine Existenz wird also auch da geleugnet.

Diese Farnbäume wollte ich euch schon lange zeigen, die gabs auch schon in Indonesien.

Mi 23.09. Mandurama (Km 29.784/H 670m)

Seit dem Mount Lambie ist die Landschaft nur noch sanft hügelig, mit abfallender Tendenz, aber trotzdem wird es immer kälter. Heute habe ich bei 4⁰ zum erstenmal seit Ladakh (Indien, Himalaya) meine Handschuhe ausgepackt, und am Wochenende soll die Temperatur bis auf 0⁰ fallen. Frühmorgens versteht sich. Australien ist ein sehr windreicher Kontinent, meistens kommt er von Südwesten und ist saukalt. Ich habe die Australier schon oft aufgefordert, doch mehr Windräder und Stauseen zu bauen, bisher habe ich noch kein einziges gesehen. Aber seit heute ist das anders, in der Nähe von Carcoar steht links hinter einem Stausee ein kleiner Windpark. Bei der Photovoltaik ist es besser, etwa jedes 2. Haus hat Solarzellen auf dem Dach und die Regierung fördert das. Hier war Deutschland tatsächlich mal Vorreiter und Vorbild für fast die ganze Welt. Sie wollen auch demnächst ein paar Kohlekraftwerke abschalten, aber ihre Dreckskohle wollen sie noch 100 Jahre lang an alle Welt verkaufen. Außerdem bauen sie hier in New South Wales, in der Woodsreef Crysotilemine, etwa 500 km nordöstlich von hier, Asbest ab und verkaufen es vor allem an 3. Welt-Länder wie Indien, wo es immer noch nicht verboten ist. Crysotile ist eine Form von Asbest. Es gibt tatsächlich kein Verbrechen, das sie nicht begehen, wenn man viel Geld verdienen kann (Karl Marx, vor 170 Jahren).

Do 24.09. Cowra (Km 29.822/H 310m)

Ich bin im Tal des Lachlan Rivers, die Straße fällt aber so landsam ab, dass man kaum bemerkt wie tief das ist. Ich habe wieder für 20$ auf einem Campingplatz eingecheckt, weil es in der Nacht und morgen regnen soll und ich duschen. Bei dem Wetter schwitze ich kaum, da geht es (ich) auch mal eine halbe Woche ohne.

Das sind Isabell und Chris und einer ihrer Söhne. Und ich natürlich.

In ganz Asien war ich immer und überall ein Superstar, 100 Menschen wollten mich täglich kennenlernen und sich in meiner Kontaktliste verewigen. In Australien, zumindest an der Ostküste, war es einer pro Monat und das war dann meist kein Australier, jedenfalls kein typischer. Das hab ich ihnen schon ein bisschen übel genommen, obwohl es mich nicht sonderlich juckt. Ich komme sehr gut mit mir selber aus, habe sogar die Ruhe und das 'in Ruhe gelassen werden' genossen. Hier im Outback ändert sich das wieder. Jetzt ist es schon einer täglich, im Schnitt. In Katoomba sprach mich ein Peter an, er schreibt ein Buch, soweit ichs verstanden habe über die Menschen, wer und was sie sind, sein wollen oder können, sofern sie es verstehen. Und ich war eine außergewöhnliche, inspirierende Begegnung. Vorgestern hielt ein Autofahrer neben mir, Stephen, 80 Jahre alt oder jung, für ihn hat das Leben mit 70 erst begonnen. Er war unter vielen anderen Jobs auch Lehrer. Auch für ihn bin ich "amazing". Zum Abschied füllte er für mich eine Plastiktüte mit Lebensmitteln, und dies hat sich gestern und heute wiederholt. Heute ist er extra wegen mir noch weitergefahren, in der Hoffnung, mich nochmal zu treffen.



Fr 25.09. Cowra (Km 29.834)

Das ist Stephen. Er hat mir dringend empfohlen, in Cowra den Japanese Garden anzuschauen und dem Chef (ein Freund von ihm) einen schönen Gruß auszurichten. Und weil es wieder den ganzen Tag regnen soll, bleibe ich bis morgen hier. Ich war also im Japanischen Garten und hab auch den Chef angetroffen, aber ich vermute, das ist jetzt nicht die optimale Vegetationsperiode, sie geben sich viel Mühe, doch so überwältigend war es nicht. 

Ich brauche langsam ein neues Zelt, der Boden ist nicht mehr dicht, dafür gibt es spezielle Aufkleber, aber die bleiben nicht lange kleben. Fast noch schlimmer sind die Reißverschlüsse. Inzwischen habe ich gelernt, dass das beste Pflegemittel Kerzenwachs ist, aber das hilft auch nicht mehr. Letztlich sterben die Zelte alle wegen verschlissener Reißverschlüsse. In Cowra gibt es einen Laden der Zelte hat, aber leider erst ab 3 Personen, viel zu groß und zu schwer für mich. Dies ist die Nummer 4 und hat mit 1½ Jahren bisher am längsten gehalten. Ich habe es in Thailand für 25 € gekauft.


So 27.09. Grenfell (Km 29.892/H 390)

Immer noch regnet es jeden Tag, wenn auch nicht so ergiebig. Und je weiter ich mich von der Küste entferne, desto kälter wird es, unabhängig von der Höhe. Heute wurde es tagsüber nicht wärmer als 10⁰. Kontinentalklima! Hier sehe ich zum erstenmal Warnschilder mit Glatteisgefahr. Dabei bin ich erst am -34. Breitengrad, das entspricht auf der Nordhalbkugel der Mitte von Tunesien. Und das Wetter ist wie in Mitteleuropa im Frühling. Ich kann nur wünschen, dass uns der Golfstrom erhalten bleibt.

Mo 28.09. Caragabal (Km 29.928/H 240m)

Sonnenuntergang vor 2 Stunden. Die Wolken auf dem Bild sind die ersten, die ich heute gesehen habe. Und heut früh war es tatsächlich 0⁰ kalt. Die Schmerzen in den Händen und Füßen, einfach herrlich. Beim Kaffeekochen habe ich meine Extremitäten über der Gasflamme aufgewärmt. Bei strahlendem Sonnenschein wurde es bis zu 17⁰ warm. Die Landschaft ist seit heute Nachmittag total flach. Ich bin noch 7 km vor Caragabal. Der Ortsname erinnert mich an Karnataka oder Tamil Nadu in Indien, in deren Sprachen ist das a der absolut bevorzugte Vokal. Erinnert ihr euch? 


Di 29.09. Back Creek (Km 29.968/H 220)

Man findet den Namen nicht in der Karte, Google kennt ihn aber. Das ist ein Gebiet und kein Ort und ich bin mittendrin, 10 km nach Marsden und 25 km vor Wyalong. 

Mi 30.09. West Wyalong (Km 29.996/H 260)

Gestern hat der Wind gedreht, jetzt kommt er von Norden und sofort ist es 10⁰ wärmer. Trotzdem war heute wieder Regen, das zwingt mich wieder auf einen Campingplatz. Gestern habe ich in einem Pinienwald campiert, dort ist der Boden sehr locker und luftig von den Nadeln, das Wasser versickert also schneller, da hoffe ich, dass nichts unter meinen löchrigen Zeltboden fließt, es hat aber erst heute vormittag angefangen zu regnen, und das so schwach, dass ich kaum nass geworden bin. Hier ist jetzt wirklich outback. Das waren jetzt 3 Tage von Grenfell bis hierher, wo es nichts zu kaufen gab, kein Wasser, nur in Caragabal Internet, aber sonst nichts.  Ich hatte 8 Liter Wasser dabei und genug zu essen, war also kein Problem. Und das geht jetzt so weiter. Der nächste Lebensmittelladen ist in Rankins Spring, 93 km von hier, sagte man mir.

Do 01.10. Pampa (Km 30.038)

Regenbogen über meinem Camp in West Wyalong. Die Landschaft ist weiterhin extrem flach mit unmerklich abfallender Tendenz. Hier bin ich noch 15 km vor Weethalle, die Schlafplatzsuche ist im Outback sehr einfach, es gibt genug Bäume und Sträucher beiderseits der Straße, das Wetter ist wieder schön und es wird jeden Tag wärmer.

Fr 02.10. Pampa (Km 30.079)

Diese blauen Wiesenblumen dominieren seit ein paar Tagen das Landschaftsbild. Seit heute sind es hauptsächlich Getreidefelder, auch die bläulich getönt.

Jetzt bin ich 7km vor Rankings Springs. Es geht gut vorwärts, einmal, weil mich nichts ablenkt oder aufhält, zum anderen, weil ich doch Respekt vor den langen Distanzen habe.

Mi 07.10. Hay (Km 30255/H 90)

Dieser Minidrache ist etwa 30 cm lang.

In den letzten 5 Tagen bin ich über Rankings Springs und Goolgowi nach Hay gekommen. Die letzte Etappe war mit 110 km die längste bisher ohne irgendwas, die hab ich in 3 Tagen geschafft. Da gibt es die sogenannte 'One Tree Plain', eine Ebene über 80 km, in der man höchstens in der Ferne am Horizont manchmal Bäume sieht. Keine Wüste, nur Gras und Disteln und solche Drachen. Jemand in Goolgowi sagte, dort werde ich auch Emus sehen, das sind die australischen Strauß-artigen Riesenvögel, natürlich habe ich keinen gesehen. Ich kenne das Phänomen inzwischen, die Tiere haben sich an die Autos gewöhnt, die können sie nicht mehr erschrecken. Aber wenn ich mit meinem Anhänger komme, dann flüchten sie, drum bekomme ich kaum jemals die Interessanten zu sehen. Ich vermute, sie  sehen besser als ich und flüchten lange bevor ich sie sehe. Die Rinder z.B.: es gibt Herden mit mehreren Hundert Tieren auf eingezäunten riesigen Weiden und bei vorbeifahrenden Lastzügen (hier fahren sie schon mit bis zu 3 Anhängern, trotzdem 110 kmh) fressen sie seelenruhig weiter. Aber wenn sie mich sehen, laufen sie und während ihrer Flucht steigern sie sich immer mehr in Panik und kommen erst einen halben Kilometer weiter zum Stehen.

Mit dem Nordwind kam innerhalb von 3 Tagen der Sommer. Die Temperaturen stiegen auf 20 (frühmorgens) bis 33⁰ (zu Mittag). Das war alles andere als ein Vergnügen, wie ichs mir vorgestellt hatte, denn ab 15⁰ waren die Fliegen wieder da. Noch zahlreicher und aufdringlicher als ich es im Herbst erlebt habe. Ich muss ein tragbares Moskitonetz finden. Meine Handtuchrolle war die einzige Überlebensrettung. Wenn sie in die Nasenlöcher kriechen, dann kann man nicht mehr atmen, da kriegt man direkt Todesangst. Sie lassen sich auch nicht verscheuchen. Wenn man mit der Hand vorbeiwischt, juckt sie das überhaupt nicht. Man muss sie von der Nase und von der Sonnenbrille runterschubsen oder -kratzen. Sind sie erst mal in der Luft, kann ich sie mit dem Handtuch verscheuchen, vor dem haben sie Respekt. Wenn man aufhört, damit durch die Luft zu wirbeln, hat man nach 3 Sekunden schon wieder 10 Fliegen im Gesicht. Irgendetwas mit beiden Händen zu machen, undenkbar. Jetzt weiß ich, warum die Engländer Australien zur Strafkolonie gemacht haben. Auf einem Parkplatz hielt zufällig ein Auto mit der Aufschrift Fliegen- und Mücken Zid. Ich schnappte mir den Fahrer sofort und befragte ihn, was man gegen die Biester machen kann, er sagte es gibt nichts.

Meine Theorie: es gibt in Australien etwa 1 bis 10 Fliegen pro m³ Luft, zumindest in den unteren 3 m. Ich gehe durchschnittlich 1,40 m/Sekunde, das sind in 3 Sekunden gute 4 m und diese Fliegen sammle ich ständig ein. Zusätzlich treibt sie mir der Wind von der Seite zu. Und keine von ihnen hat in ihrem Leben jemals einen Menschen gesehen. Wie also sollen sie wissen, wie sie sich zu verhalten haben?

Nach 3 Tagen war der Spuk wieder vorbei, der Wind hat wieder auf Südwest gedreht, es regnet wieder und es ist kalt wie vorher. Wenn ich die Wahl hätte, wäre es nur die zwischen Pest und Cholera. Australien ist kein Land zum Wandern. Trotzdem bin ich dankbar, dass ich es erleben darf.

Der nächste Ort heißt Balranald und ist 130 km weit weg, das bedeutet wahrscheinlich 4 Tage kein Blog. Meine Wasservorräte hab ich auf 12 Liter aufgestockt, was den Anhänger verdammt schwer macht. Australien sei Dank gibts da keine Berge.

So 11.10. Balranald (Km 30.389/H 70)

Also doch noch! Wenn man das Bild vergrößert sieht man sie. Das war etwa im 1. Drittel der Strecke links. Und sie waren überhaupt nicht scheu. Jetzt ist mir klar: sie haben keine natürlichen Feinde, dazu sind sie zu groß und zu wehrhaft, also haben sie nicht gelernt zu flüchten. Sie stolzierten seelenruhig vorbei. Außerdem ist ein Zaun dazwischen, damit sie nicht auf die Straße laufen können. Zig km lang. Aber woher sollen sie wissen, dass der auch für mich ein Hindernis ist? 

Endlich habe ich so einen 'Tripl Troley' auf einem Parkplatz angetroffen. Wenn sie auf der Straße an mir vorbeibrettern sind sie viel zu schnell und zu nah. Dann bebt und zittert die Straße schon/noch 50 m vorher u. nachher.

Das war mit 134 km die bisher längste einsame Etappe meiner ganzen Reise, nein, meines ganzen Lebens. Jetzt weiß ichs genau, bei diesem Wetter (überwiegend kalt) komm ich mit 2½ l Wasser täglich aus, plus 1 kg Obst u. Gemüse, was ja nochmal knapp 1 l ausmacht. Das muss ich allerdings schon vorher waschen, sonst muss ich das Waschwasser auch noch mitschleppen. Lernt man alles by doing.

Heut wars wieder wärmer und schon morgen ist wieder Sommer. Und in wenigen Wochen wirds unerträglich heiß, sagen sie mir.

Nun ist auch geklärt, man kann nach Viktoria einreisen, kommt aber nicht mehr raus, bzw. nur mit anschließend 2 Wochen Quarantäne. Ich muss also einen nördlichen Umweg machen. Auch da gibts natürlich mehrere Möglichkeiten, über die ich noch nachdenke. Adelaide liegt in Süd Australien, und dafür brauche ich ein Permitt, also eine Einreiseerlaubnis. Die sollte man schon 2 Wochen vorher online beantragen, also jetzt!

Mi 14.10. Euston (Km 30471)

Was hier als freundliche Bitte getarnt ist, wird auf anderen Plakaten als Befehl von oben dargestellt, und mit Strafandrohung durchgesetzt. Sunraysia (das Land des Sonnenaufgangs) ist ein Obst- und Weinanbaugebiet und das soll schädlingsfrei gehalten werden. Hier geht es speziell um die Fruchtfliegen, nicht zu verwechseln mit der Stubenfliege, die in Australien eine Dauerplage ist. Dank der Karte links unten muss ich nichts wegwerfen, wie ich im ersten Schreck befürchtet hatte, ich brauche noch 2 Tage bis dorthin und kann in der Zeit alles aufessen, was ich an Früchten in meiner Box habe.

2 Tage danach war ich in Euston, ein größeres Dorf. Dort fragte ich eine Frau nach einem Lebensmittel Geschäft. Bis zum nächsten Ort sind es wieder 2 Tage und dafür brauche ich noch Brot, Obst und Gemüse. Brot gibts hier im nächsten Cafe, aber Obst und Gemüse nicht. Das kriegt man in der Gegend hier nur in Robinvale, das liegt gleich gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, und das ist schon Victoria. Sie bot mir an, für mich rüber zu fahren und einzukaufen. Sie kann das, weil sie dort wohnt, aber in Euston arbeitet, also eine Ausnahmegenehmigung hat, mit entsprechendem Ausweis. Gut, sie hat für mich eingekauft, war eine halbe Stunde später wieder da, ihre Auswahl war perfekt. Und dann wollte sie kein Geld von mir annehmen. Ich schätze den Kaufpreis auf 25 $. Auch sie ist keine Australierin, sondern kommt von den Fidschi Inseln.

Fr 16.10. Trentham (Km 30.537/H 50 m)

Ach ja, in Balranald habe ich dieses Moskitonetz gefunden.

Und es funktioniert wunschgemäß. So ist es erträglich.

Abends hat es sich wieder eingeregnet, drum bleibe ich hier auf dem Rastplatz, 6 km vor Gol Gol, dort ist der nächste Lebensmittelladen. Hier kann ich unter einem Dach schlafen.

So 18.10. Perry Sandhills (Km 30.585)

Das ist eine richtige Sandwüste und die Hills sind wandernde Dünen. Sie ist nur etwa 1km² groß und liegt 5km westlich von Wentworth. Ursprünglich war der Sand weiß, aber im Laufe der Zeit oxydiert oder verrostet er und wird so immer röter. Dieser hier ist etwa 50.000 Jahre alt, sie haben aber auch ältere Schichten gefunden, mit 100.000 Jahren, das war lange vor der letzten Eiszeit. Und sie haben Urzeitliche Tierskelette gefunden. Damals waren viele Arten auch in Australien viel größer. Z.B. ein Riesenkänguru.

Ich habe nun beschlossen, über Broken Hill nach Port Augusta zu gehen, das liegt in South Australia, und dann nach Adelaide. In Victoria ist noch kein Ende der Reisebeschränkungen in Sicht, drum muss ich noch etwas Zeit schinden. Auch in Victoria gibt es Leute, die auf baldige Lockerungen drängen, die konnten sich bis jetzt aber nicht durchsetzen. Und was soll ich in Adelaide, wenn ich dann nicht weiter komme? Andere Leute sagten mir, für SA braucht man kein Permit (Erlaubnis) mehr.

Do 22.10. Coombah (Km 30731)

Neuer Rekord: 146 km mit ohne garnix, nur Pampa, in 4 Tagen.

Heute kam ich an einer Mine vorbei, seitdem fahren die Lastzüge 4-fach. Sie bringen irgendwelche Metallerze nach Broken Hill, wo sie weiterverarbeitet werden.

Von Wentworth nach Broken Hill sind es 266 km, zum Glück gibt es hier auf halbem Weg eine Tankstelle und ein Roadhouse, das ist ein notdürftiges Lebensmittelgeschäft und Restaurant, wo ich meine Vorräte auffüllen kann, es gibt allerdings nicht viel Auswahl. 

Wenn ich einen Mann mit weißem Bart sähe, der sich zu Fuß auf diesen Weg macht, würde ich schon mal nachsehen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat, ob er weiß was er tut, ob er seine Leistungsfähigkeit richtig einschätzen kann, ob er genug zum essen und trinken dabei hat. Wenn er da einen Fehler macht, kann das tödlich enden, und soviel Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe muss sein!

Je weiter ich ins Outback vordringe, desto freundlicher werden die Leute. Jetzt bekomme ich schon durchschnittlich einmal pro Tag irgendwelche Fragen, Geschenke, Essen, Trinken, auch mal Geld, Sponsoring nennen sie das. Diese(r) Eine macht sich wohl ähnliche Gedanken, fühlt sich irgendwie verantwortlich. Auch ich denke, wenn ich eine Gefahr sehe, bin ich schon verantwortlich und das ist die Wahrheit. Da nützt es nichts, den Kopf in den Sand zu stecken oder die Verantwortung einfach zu leugnen. Die Wahrheit bleibt. Hier fahren nur noch etwa 10 Kraftfahrzeuge nein, nicht pro Minute, pro Stunde! Das sind etwa 100 am Tag, und 99 von ihnen glauben, die Wahrheit verdrängen zu können. In ihrer Haut möchte ich nicht stecken.

Wenn ich in Asien in Begleitung eines anderen Menschen die Straße überquert habe, hat der mich meistens an der Hand genommen und hinüber geführt. Wenn mir das auch absurd vorkam und peinlich war, es war doch nur seine Art von Verantwortung.