BLOG 23 Nepal

Mi 26.09. Daijee (km 12.627/H 200m)

Der Grenzübergang war fast so einfach wie in Europa. Inder brauchen kein Visum für Nepal, für sie ist es noch einfacher. Das ganze Prozedere hat bei mir etwa eine Stunde gedauert, jetzt habe ich ein Visum für 90 Tage, hat etwa 100€ gekostet. Alternativ gab es auch Visum für 30 Tage, aber das schien mir zu knapp. Gleich nach der Grenze fand ich ein Hotel für 300 nepalesische Rupies, von denen bekommt man zur Zeit 137 für einen Euro, macht also 2,10€ pro Nacht. Bei den Preisen kann ich es mir öfter leisten, drum habe ich es heute gleich wieder gemacht. Auch das Essen scheint mir noch etwas billiger als in Indien zu sein, aber ich muß das noch etwas länger beobachten, um verlässliche Angaben machen zu können. Ansonsten hat sich außer der Sprache (Nepali) nicht viel geändert. Man sieht öfter Menschen mit chinesischen Augen, das für mich auffallendste Merkmal. Seit 2008 ist Nepal eine parlamentarische Bundesrepublik und nennt sich säkular, bis dahin war es eine Monarchie. Die Übergangsphase war ziemlich blutig. Über die Lage der Frauen findet man widersprüchliche Angaben. Seit einer Verfassung von 1990 sind Männer und Frauen rechtlich gleichgestellt, trotzdem kann die Staatsbürgerschaft nur vom Vater auf die Kinder übertragen werden, das bedeutet, wenn der seine Kinder nicht anerkennt oder entsprechende Dokumente verliert oder unbekannt ist oder sonstwie abhanden kommt, dann sind die Kinder staatenlos. Das betrifft 25% der Bevölkerung! Jedes Jahr werden 20000 Mädchen verkauft, auch ins Ausland, zu welchen Zwecken dürfte wohl klar sein. Auch die Diskriminierung von Menschen der unteren Kasten (das ist die Hälfte der Bevölkerung) ist verboten und trotzdem gang und gäbe.

Analphabeten sind 35% der Männer und 55% bei den Frauen. Trotzdem gibt es viele Menschen die Englisch sprechen können, auch manche Frauen. Und trotzdem verhalten sich die Frauen hier erkennbar freier und ungezwungener als in Indien. Sie sind weniger verschleiert, wirken angstfreier, sprechen mehr mit den Männern, auch mit mir. Aber gleich in der ersten Stadt begegnete ich einer Demonstration, ein Passant erklärte mir auf Anfrage, es handelt sich um einen Protestzug wegen einer Vergewaltigung. Die Teilnehmer waren etwa zu gleichen Teilen Männer und Frauen. Also es gibt noch viel zu tun und es tut sich auch was. 

Ich habe den Eindruck, hier gibt es noch mehr Kühe als in Indien und sie sind auch hier mehr als gleichberechtigt mit den Menschen (80% der Bevölkerung sind Hindus). Wenn sie (die Kühe) sich auf der Straße im Schatten der Bäume versammeln wollen, gibt es niemanden der sie daran hindert. Ich habe das zwar nicht beobachtet, aber ich bin mir sicher, wenn eine Kuh die Grenze überqueren will, kann sie es ungehindert und unkontrolliert tun. Übrigens auch alle anderen Tiere wie Hunde, Affen, Vögel sowieso, warum nicht wir Menschen? Ich finde das mehr als hirnrissig. 

Fr 28.09. Masuriya (km 12.693)

Ein Nepalese hat mir erzählt, das mit den Kühen ist erst in den letzten paar Jahren so schlimm geworden, sie sind jetzt eine richtige Plage. Ein indischer Bauer zeigte mir stolz seine Rinder, eine Kuh und ein Fellow, das ist eine Wasserbüffel Kuh. Die geben ihm je 2-3 Liter Milch pro Tag (mitteleuropäische Kühe müssen das 10fache leisten). Auch so ein Beispiel indischer Bescheidenheit. 

Hier fühlen sie sich am wohlsten, deshalb heißen sie Wasserbüffel. Aber die meisten von ihnen kennen diesen Luxus nicht. 

Sa 29.09. Lamki (km 12.727)

Immer noch gehen nicht alle Kinder in die Schule, obwohl die kostenlos ist. Immer noch halten viele Eltern Schulbildung für überflüssig und nutzen lieber die Arbeitskraft ihrer Kinder, oder sie müssen es aus blanker Not tun. Die in die Schule gehen, können meist erstaunlich gut englisch und wenn ich sie nach ihrem Alter frage, kommen meist ebenso erstaunliche Antworten. Sie sehen viel jünger aus und sind viel kleiner als Kinder in Mitteleuropa. Die Erwachsenen sind auch kleiner. In Deutschland gehöre ich mit meinen Einmetersiebzig zu den kleineren, hier in Nepal und auch in Indien zu den größeren Menschen. Hier brauche ich Kleidergröße XL, in Deutschland zwischen S und M. Die Erwachsenen altern viel schneller, die Lebenserwartung beträgt nur mickrige 68 Jahre, und auch die Zipperlein fangen viel früher an. Aber es bessert sich gerade rapide. Starben 1950 noch von 1000 Kindern 340 in den ersten 5 Lebensjahren, sind es heute noch 3. Die heutigen Probleme führe ich hauptsächlich auf die Ernährung zurück. Qualität spielt überhaupt keine Rolle, das einzige was zählt ist der Preis. Dabei gibt es bei Obst und Gemüse alles was man sich denken kann und was das Herz begehrt (mein Herz). Wer nicht weiß, wie wichtig Obst und Gemüse für die Gesundheit ist, begehrt es auch nicht. Und das billigste Essen kommt aus den Fritteusen. Die Zutaten sind ok. Jedes Obst oder Gemüse wird in Teig gewickelt und frittiert, die Füllungen sind oft reichlich, das Problem ist das Fett. Auch da kommt natürlich nur das billigste in Frage, ich vermute Palmöl, dann wird es viel zu hoch erhitzt, so geht es schneller. Wenn das Öl qualmt und raucht, dann ist es zu heiß, dann entstehen Tod und Teufel, unter anderem auch die krebserregenden Transfettsäuren, aus Kohlenhydraten werden Nitrosamine und jedes Jahr fügt die Wissenschaft neue Grauslichkeiten hinzu. Hinzu kommt, dass sie dieses Öl natürlich nicht freiwillig austauschen, es wird anschließend zum Braten verwendet. Theoretisch könnten sie das beste und gesündeste Essen produzieren, aus Not und Unwissenheit geschieht das nicht.  P

Mo 01.10. Chisapani (km 12.740)

Ganz recht, nur 13 km gestern, heute 0,2. Fühle mich krank, eine Erkältung, deshalb habe ich gestern Nachmittag das erste Hotel gebucht das ich fand. 800 R ist zwar nicht viel, übersteigt aber schon mein Budget. Heute früh fühlte ich mich schon besser, aber nicht gut genug für die nächste Etappe, das sind 20 km Wald. Jeder Wald mit mehr als 5 km Durchmesser ist hier ein Naturschutzgebiet, ein Wildtierreservat und große bunte Schautafeln zeigen, was es da gibt: Tiger, Leoparden, Elefanten und Nashörner. Häuser kann ich dort nicht entdecken. Weil ich mich für einen 20 km langen Weg ohne Zwischenstop noch nicht fit genug fühle, habe ich ein anderes Hotel bezogen, für 500 R. Ich gönne mir noch einen Ruhetag. Auch hier heißen viele Gaststätten Hotel, manche haben Zimmer, die meisten nicht. Wenn man hier jemanden fragt, bekommt man so gut wie immer eine falsche Antwort. Einer wollte mich zum Hotel Paradise schicken, klingt auch nicht billiger, aber schon nach 200 m fand ich diese Lodge. Und wenn Lodge oder Guesthouse draufsteht, dann haben sie auch Zimmer. 

Mi 03.10. Chisapani

Jetzt bin ich schon 3 Tage in diesem Dorf, ich verlängere von einem Tag auf den nächsten in der Hoffnung, morgen geht es wieder. Den Wirtsleuten ist es recht, ich bin hier der einzige Gast, obwohl es mehrere Zimmer gibt. Aber heute stehen die Anzeichen besser, dass es morgen wieder geht.

Do früh: ja, es geht heute wieder. Aber gehen kann ich trotzdem nicht. Ich habe inzwischen herausgefunden, dass dieser Wald vor mir und auch viele noch kommende und teilweise noch viel größere, auch tagsüber nicht ungefährlich sind. Leoparden und Tiger sind zwar hauptsächlich nachtaktiv, das heißt wenn sie Hunger haben, machen sie schon mal eine Ausnahme und verschmähen eine leichte Beute auch am Tag nicht.

Ich versuche es per hitchhiking, wenn mich keiner mitnimmt, hier ist eine Bushaltestelle. 

Do 04.10.Bhurigaun (km 12.750)

Der Wildpark war einfach. Viel leichter als ichs mir vorgestellt habe. Da gibt es eine Polizei Kontrollstelle, sagte man mir unterwegs, da wusste ich, das läuft so wie in Sri Lanka. Die überreden einen Fahrer mich mitzunehmen, ich brauche mich um nichts zu kümmern. Dort muß jedes Fahrzeug anhalten, sich einen Zettel abholen und etwas bezahlen. Gleich der erste hatte ein groß genuges Fahrzeug und sie waren nur zu zweit mit wenig Gepäck unterwegs. Das einzige was wir sahen waren ein paar Antilopen, eine kleine Art ähnlich unserer Rehe und Elefantenkot auf der Straße. Sieht aus wie von Pferden, bloß 10 mal größer. Nach 14 km kam wieder ein Schlagbaum, da warfen sie mich wieder raus 

Hängebrücke über den Karnali River, am anderen Ende der Wildpark. 

Fr 05.10. Bansgadhi (km 12.787 / H 150 m)

Das ist der Babai River, die Straße ist hier gleichzeitig ein Staudamm, weil sie da Wasser für einen Kanal für die nächste Stadt (Kohalpur) abzweigen. Aber dieser Fluss hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. 

Das da unten ist ein geschätzt 4 m langes Krokodil. Diese Staumauer ist natürlich ein schweres Hindernis für alle Flussbewohner. Die kleineren schaffen es von Norden über die Dammkrone und rutschen dann auf der Südseite runter, über die zur Zeit ein dünner Wasserfilm läuft. Von hier versuchen es auch viele, in diesem Film gegen die Strömung den Damm zu überwinden, ein aussichtsloses Unterfangen. Die kleinen Fische können so schnell zappeln, dass sie gegen die Strömung ankommen. Sie schaffen es vielleicht 5 m, dann wird es immer steiler und sie rutschen wieder zurück. Das Krokodil da unten ist clever genug sich in die beste Position zu bringen, es braucht nur noch das Maul aufzumachen und die Fische und von der anderen Seite auch andere Tiere rutschen manövrierunfähig genau hinein. Es gibt auch andere Krokodilarten, teilweise noch größer, die hatten einen langen Entenschnabel und Riesen Wasserschildkröten. Die habe ich bisher ausschließlich in die Karibik verortet. Die tauchen nur sehr kurz auf zum Luftholen und sind dann sofort wieder weg. Das war zu kurz zum Fotografieren.

Und Fische habe ich gesehen, halb so groß wie das Krokodil. 

Sa 06.10. Kohalpur (km 12.805)

Nicht zu Verwechseln mit Kolhapur, einer Großstadt im Südwesten von Maharashtra. 

Krokodile gehören mit den Vögeln zu den Archosauriern, zu denen auch die Dinosaurier gehörten. Dies hier ist der Gangesgavial. Hat den Namen schon mal jemand gehört? Ich nicht. 

Di 09.10. Kohalpur (km 12.828)

Meine Erkältung ist zurück gekehrt, genauer gesagt nur der Husten. Ich huste wie ein Kettenraucher im Endstadium. So kann ich unmöglich weitermachen, ich muß das auskurieren und solange bleibe ich jetzt hier. 

Die Geldbeschaffung ist hier schwierig. Ich muss jedesmal 5 - 10 Geldautomaten abklappern, bis ich einen finde, der die gewünschte Kohle rausrückt. Ich habe eine Mastercard und die meisten, ATM heißen sie hier und in Indien, sind damit nicht kompatibel. Normalerweise steht an der Tür, mit welchen Karten sie können, aber das ist noch lange keine Garantie. Ich muss also immer schon lange bevor es zu Ende ist, für Nachschub sorgen. Was das Preisniveau angeht, das Essen kostet hier umgerechnet genau so viel oder wenig wie in Indien, etwa ein zehntel von Mitteleuropa, Hotel Übernachtungen auch, die Hälfte von Indien, meistens 4€, man kann aber auch Hotelzimmer für 30€ finden. Das ist dann schon Luxus pur mit mitteleuropäischem Standard. Das Essen ist auch in billigen Hotels oft sauteuer, das doppelte bis vierfache, aber zugegeben, die Qualität ist auch besser. 

Frisches Obst und Gemüse am Markt: Bananen und Gemüse 0,30€ per Kg, Äpfel 0,50, der Rest dazwischen, Chillies nix. Meist geben sie zum Schluß eine Handvoll gratis in die Tüte. 

Neulich kaufte ich mal wieder Socken, gute Sportsocken, 1€.

Die Nepalesen sagen, die Preise wachsen ihnen über den Kopf, sie haben 10% Inflation, die Löhne halten aber nicht mit. 

Mi 10.10. Shamsherganj (km 12.848)

 Beim Abendessen bin ich mit einem Mann ins Gespräch gekommen, der schon seit 20 Jahren als LKW Fahrer in Saudi-Arabien arbeitet. In Nepal würde er 100€ im Monat verdienen, dort bekommt er das vierfache. Er hat mich zu einer günstigen Unterkunft geführt (300 R) und dabei ein nagelneues Fahrrad neben sich hergeschoben, es kommt aus Indien, die sind besser als die nepalesischen, Neupreis 50€.

Das Einzige was Nepalesen wirklich interessiert, ist mein Familien Status. Ob ich verheiratet bin, wie viele Kinder ich habe, was die machen, wieviel die in Deutschland verdienen und was sie selbst tun können, um auch so einen gutbezahlten Job in Deutschland zu bekommen. Wenn es einfacher wäre und sie könnten, würden nicht eine Million sondern eine Milliarde Menschen nach Deutschland kommen, um sich hier einen Job zu suchen. Da habe ich auch schwere Bedenken ob das gutgehen würde. 

Indisches Kunsthandwerk. 

So 14.10. Namai (km 12.945)

Meine Simkarte war schon wieder leer, ich hatte in der ersten Stadt nach der Grenze 5 Gigabyte für 6€ bekommen, das hat etwa für 18 Tage gereicht. Jetzt beim Nachladen gab es nur 4 Gigabyte für 3€. 

Das ist der Ost-West Highway, die einzige durchgehende Verbindung in Längsrichtung, gut 1000 km lang. Hier gibt es viele lange gerade Etappen, hauptsächlich durch den Dschungel. Tagsüber soll es meist ungefährlich sein, aber nachts raten alle ab, dort zu Fuß zu gehen. Alle anderen Straßen, z.B. in den Himalaya nach Norden, sind in viel schlechterem Zustand, viel einsamer und damit gefährlicher, was die Tiger betrifft. Kein Land für Fußgänger. Bisher habe ich noch kein Großwild gesehen. Ich muss meinen Weg so planen, dass ich immer eine Ortschaft habe zum Übernachten, die Abstände können bis zu 20 km lang sein.

In Bhutan soll das noch viel schlimmer sein, das Land ist viel dünner besiedelt, viel weniger Verkehr, viel mehr Urwälder, erst recht kein Land für Fußgänger. Ich glaube, das lasse ich aus. 

Mo 15.10. Mourighat (km 12.965)

Ich muss auf meinem Weg viele Hände schütteln. Und immer wieder kommt es vor, dass jemand meine Hand dann nicht mehr loslassen will. Bereits nach einer Sekunde fange ich an, mich unwohl zu fühlen und wenn es mir in der zweiten Sekunde nicht gelingt, mich sanft zu befreien, dann werde ich fuchsteufelswild, löse die Verbindung gewaltsam, beschimpfe den Übeltäter und suche schleunigst das Weite. Der lacht meistens darüber und kann meine diesbezügliche Phobie nicht verstehen. Ich verstehe das selbst auch nicht. Ist es Angst, die Kontrolle über meine Hand zu verlieren oder komplett vereinnahmt zu werden, keine Ahnung. Ähnlich ist es mit dem Glotzen. Wenn ich irgendwo stehen bleibe und den Deckel meiner Box aufmache, kommen sie im Laufschritt aus allen Himmelsrichtungen um zu gaffen. Und dabei rücken sie mir bis zu einen halben Meter auf die Pelle. Ich habe das Gefühl, nicht mehr frei atmen zu können und empfinde dies als grobe und unverschämte Belästigung und komme mir vor wie ein Zirkusaffe. Oft versucht jemand irgend etwas anzufassen. Bei Kindern kann ich es ja noch verstehen, aber viele Erwachsene sind genauso ungezogen. Ich schlage ihre Hand unterschiedslos weg um klar zu machen, dass ich das überhaupt nicht mag. Ich kann dann den Inhalt der Box nicht den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen lassen. So schnell ich kann schließe ich den Deckel wieder und flüchte, oft zornig und wütend. Ich würde niemanden so behandeln und deshalb glaube ich ein Recht darauf zu haben, auch nicht so behandelt zu werden. Aber hier ist das alles lächerlich. 


Di 16.10. Shivapur (km 13.000)

Zwischendurch mache ich manchmal eine Pause und esse etwas Obst und Gemüse. Buswartehäuschen sind da die einfachste Lösung, die haben immer ein Dach das Schatten spendet und Sitzbänke und durchschnittlich jeden km findet man eines. Das sind auch beliebte öffentliche Versammlungsplätze und oft sitzen da Leute und unterhalten sich oder telefonieren oder spielen mit ihren Smartphones. Ich wähle immer eines das leer ist, damit ich meine Ruhe habe. Aber kaum sitze ich, strömen sie aus allen Richtungen herbei um mir beim Essen zuzuschauen, mich vollzuquatschen und zu fotografieren. Fast niemand fotografiert mich einfach so, immer nur als Selfie. Ihre eigene Präsenz auf dem Bild ist ja das wichtigste. Unter solchen Bedingungen zu essen, ist für mich die schlimmste Folter. Und dann muss ich blödsinnige Anweisungen befolgen: lächeln, schau her, aufstehen, für ein Video den Mist wiederholen, den ich ihnen schon gesagt habe. Heute habe ich jemandem nach dem zehnten Foto gesagt, dass ich keine Lust mehr habe und ihn gefragt, was machst du denn mit all diesen stupid fotos? Sie zeigen doch alle das selbe. Die Antwort war für mich unverständliches Bla Bla. 

Mi 17.10. Gorusinge (km 13.024)

Do 18.10. Murgiya (km 13.058)

Fr 19.10. Ramapur (km 13.093)

Zur Zeit sind die höchsten hinduistischen Feiertage des Jahres in Indien und Nepal. 10 Tage lang überall fast tote Hosen. Wie Weihnachten in Europa. Die meisten Shops, Schulen und Banken sind zu, auch die Gastronomie, sogar die Bankautomaten sind zu 50% im Schlafmodus oder vergittert und das nun schon seit 4 Tagen. Viele kleinere Orte haben oft nur einen, noch kleinere (die meisten) gar keinen und wenn die arbeiten, dann behaupten sie entweder, meine Bankkarte wäre invalid oder der Vorgang wird meist kommentarlos terminiert. Ich habe schon angefangen mir ernsthafte Sorgen zu machen. Heute war mein Barvermögen schon auf 1500 NR geschrumpft und ich brauche hier durchschnittlich 700 pro Tag, das sind etwa 5€ trotz häufiger Hotel Nutzung. Und heute hat es wider Erwarten nach dem gefühlt 15. Versuch plötzlich geklappt. Sie spucken eh bloß höchstens 10.000 NR aus, die höchsten Scheine sind 1000er, das sind 7€. Wenn man irgendwo mit einem 500er bezahlen will, verdrehen sie oft die Augen und können nicht herausgeben (oder wollen nicht), sie gehen dann zum Nachbarshop, um zu wechseln.

Happy Dussehra. 

Sa 20.10. Bardighat (km 13.119 / H550)

Ich bin schon 8 km weiter, mitten im Dschungel. Bis ans andere Ende hätte ich noch bis nach 18:00 Uhr gebraucht und um 17:30 wirds jetzt hier finster. Das heißt, dann wird es gefährlich. Aber hier gibt es eine kleine Ansammlung von Gaststätten und Hotels, da konnte ich Abendessen und fand einen trockenen Zeltplatz. Im Freien wird mein Zelt so etwa in der 2. Nachthälfte vom Morgentau außen immer ziemlich nass, dann verliere ich morgens zuviel Zeit, bis es wieder trocken ist. Ein Dach genügt, auch wenn es aus Blech oder Stroh ist und alles bleibt trocken. Ich hatte wieder einen platten Reifen, der hat mich die fehlende Zeit gekostet. Derselbe Reifen war schon 2 Tage vorher platt, aber da ging ich in eine Motorradwerkstatt und ließ ihn dort flicken. Es hat zwar nur 50 Rupies gekostet, dauerte aber genau so lange wie wenn ich es selbst mache. Und dann ist es dasselbe Problem wie mit der Hygiene. Beim Zuschauen hatte ich ernsthafte Zweifel, ob das gutgeht. Ich habe nichts gesagt, vielleicht ist meine penible Art zu arbeiten ja manchmal übertrieben, vielleicht kann ich ja noch was dazu lernen. Sie machen alles am Boden, sandig und schmutzig. Nach dem Flicken kontrollierte er nochmal in einem Wassereimer, ob nicht noch mehr Löcher sind und ob seine Flicken dicht halten. Dann packte er den Schlauch wieder auf die Felge unter den Reifen, ohne diese vorher irgendwie zu reinigen. Und weil er noch nass war, blieben auch die Steinchen vom Boden gut haften, das hat er alles mit eingepackt. Und dann mit Druckluft aus dem Kompressor auf gefühlt 8 Bar gepumpt. Spätestens jetzt muss es die Steinchen durch die Schlauchwand drücken. Da musste ich eingreifen weil er mein "stop" nicht verstanden hat und reduzierte den Druck sofort auf etwa ein Bar. Tja, den heutigen Platten hatte ich erwartet, ich wusste nur nicht wann es passiert. Und dann machte ich es wieder auf meine Art. 

So 21.10. Chhatisghare (km 13.152)

Ich will nochmal auf das Verhältnis zwischen mir und meinen "in mir lebenden Kameraden" eingehen und beginne mit dem "inneren Schweinehund". Diese Bezeichnung ist mir eigentlich zu negativ. Er zeichnet sich durch Schwäche und Bequemlichkeit aus und hat dadurch eine gewisse Schutzfunktion für unseren gemeinsamen Körper. Ich würde ihn deshalb lieber als meinen Beschützer ansehen. Viele Menschen glauben ja, ihr inneres Bauchgefühl würde ihnen eine objektive Wahrheit zeigen die vertrauenswürdiger sei als der eigene Kopf. Dieses Bauchgefühl ist nun der Kanal, über den er mit mir kommuniziert. Ich selbst bin eher der Stürmer, Entdecker und Eroberer, damit wird schon klar, wie wichtig so ein Beschützer für mich ist. Bloß, er ist genau so wenig objektiv wie ich das bin. Wenn ich immer auf ihn hören würde, könnte ich gar nichts mehr machen. Kein Sport, keine Weltreise. Meine Horrorvision: ich würde zu Hause sitzen, fernsehen, immer dicker werden und auf meinen Krebs warten. Ich muss "ihn" also unterdrücken. Und nicht nur ihn, auch den "Esser", der unersättlich ist weil er den Hungertod fürchtet und meint, ich müsste für karge Zeiten vorsorgen und den Angsthasen, der mich vor allen Gefahren dieser bösen Welt beschützen will. Wir alle sind nicht objektiv. Ich habe dabei die schwierige Aufgabe, zwischen all diesen widersprüchlichen Interessen zu moderieren und bin gleichzeitig selbst Partei in diesem Spiel. Wenn einer der Streithanseln sich zum Moderator aufspielt, kann das eigentlich nicht gutgehen. Meine aktuelle Lösung: ich versuche ein gutmütiger Diktator zu sein, der die berechtigten Interessen aller Beteiligten anerkennt und auf dieser Grundlage seine eigenen Entscheidungen trifft. Mir ist klar, mein Risiko hängt davon ab, zu erkennen wann eine Warnung aus dem Bauchraum berechtigt ist und wann nicht, im Zweifelsfall eher vorsichtig zu sein. Aber entscheiden muss ich schon selbst. Wer sonst?

Alles nur meine Theorie. In Wirklichkeit habe ich keine Ahnung, wer "ich" nun bin.

Nochmal zurück zum "Schweinehund": ja natürlich war es zu Hause auch schön und manchmal bequemener, aber zu diesem Thema hat der hier nichts zu sagen.