BLOG 22 Jammu

Do 09.08. Digdol (km 11.301/H 1100)

Ich bin wieder fit. Jedesmal wenn ich den Versuch mache, sehe ich die These bestätigt, dass so ein Fastentag Wunder wirkt.

Es geht nun deutlich bergab, ich meine das Tal, in dem ich unterwegs bin. Vorgestern war der höchste Punkt 2200 m und vor mir liegen noch einige Berge aber Jammu (die Stadt) liegt viel niedriger als Srinagar. Der Staat heißt ja Jammu und Kaschmir. Kashmir liegt im Nordwesten und Jammu im Südwesten. Im Osten liegt Ladakh.

Und seit heute früh bin ich in Jammu. Hier leben wieder hauptsächlich Hindus, ihre Sprache heißt Dogri, daneben gibt es aber auch Kashmiri, Hindi und Urdu. Englisch können nur wenige. Oft ist unter 20 Menschen die mir Fragen stellen, kein einziger dabei. Und diese "kleineren" Sprachen hat Google auch nicht in seinen Übersetzer aufgenommen. Dann geht es einfach nicht.

Hier, wo ich jetzt bin, gibt es 2 Gaststätten und 2 Stores (Saftläden) im Garagenformat. Zum Essen gibt es nur Roti (Fladenbrot) oder Reis und Dal (Bohnen). Ich habe schon seit Tagen nichts anderes mehr gegessen. Kulinarisch ist das hier Mittelalter.

Aber jede dieser Gaststätten hat in einer Ecke mindestens ein Bett und wenn ich frage, ob ich hier übernachten kann, sagt keiner nein. Die Gefahr mit den großen Raubtieren ist einfach jedem bewusst. Meistens schlafen auch einer oder mehrere der Angestellten direkt an ihrem Arbeitsplatz. 1. deshalb und 2. weil ich den Verdacht habe, mir im letzten Hotel wieder eine Krätzmilben Infektion geholt zu haben (trotz ausschließlicher Benutzung meines eigenen Schlafsacks), schlafe ich auf einer Sitzbank, die ist lang und breit genug, auf meiner Isomatte.

Tatsächlich schläft einer der Angestellten auch hier, aber der will das Bett auch nicht benutzen und schläft auch lieber auf einer der Bänke. Ohne Unterlage, ohne Zudecke, in seiner Arbeitskleidung. Waschen und Zähne putzen machen sie erst am nächsten Morgen. Alle! 

Fr 10.08. Karmeel (km 11.326/H 900)

Nachmittags habe ich den tiefsten Punkt des Tages mit 600 m erreicht, und da war sie wieder, die indische Sommerhöllengluthitze. 

Hier gibt es auch wieder Affen, diesmal deutlich größer. 

tief eingeschnittene Flußtäler (der Chanab River) und grüne Berge. 

Sa 11.08. Kud (km 11.368/H 1700)

Unter mir ist ein Tunnel, 10km lang, aber es gibt eine alte Straße über die Berge, für die hab ich mich entschieden. Es ging schon seit 25 km bergauf, aber über dem Tunnel nochmal ordentlich. Bis 1800 m. Und 30 km mehr. So ein langer Tunnel ist mörderisch, wenn man zu Fuß durchgeht.

Hier oben hab ich weniger Verkehr und Lärm, bessere Luft und tolle Aussichten.


So 12.08. Mohar (km 11.399/H 800)

Ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich vorgestern wieder ein Biker Trio getroffen habe, Studenten aus Mumbai. Die sind schon 4000 km gefahren und wollen noch weiter nach Leh und nach Nepal. 

Der Dritte fotografiert. Sie haben Super Fahrräder, sehen aus wie Mountainbikes. Sie machten gerade Mittagspause in einem Tempel. Ein alter Mann (70), managt diesen Tempel offensichtlich, er hält alles sauber (ist natürlich relativ) und in Ordnung, er hat graue Rasterlocken, die sind so lang, dass er sie sich mehrfach um den Kopf wickeln kann, sieht fast aus wie ein Turban. Er kocht dort auch, und hat die drei zum Essen eingeladen. Und die haben mich dazu eingeladen. Ich bezweifelte zuerst, ob das für den Alten OK ist, aber es war mehr als OK. Er hat sich sichtlich gefreut, und wir haben sofort eine gemeinsame Wellenlänge gefunden. Will sagen, wir haben uns prächtig verstanden und hatten uns viel zu erzählen. Es gab natürlich Reis und Dal. 

Mo 13.08. Udhampur (km 11.409/H 700)

Heute früh wurde ich von einem Erdrutsch aufgehalten, die Aufräumarbeiten haben bis um 14 Uhr gedauert. Wann sie begonnen haben weiß ich nicht, als ich um 8 hinkam, waren sie schon in vollem Gange. Da lagen soviel Erde und Felsbrocken auf der Straße, dass kein Durchkommen möglich war, auch nicht für Fußgänger. Und die Autos und LKW stauten sich schon kilometerlang, dreispurig auf einer zweispurigen Straße, bis dicht vor die Baustelle. Wenn der Verkehr wieder freigegeben wird, ich weiß nicht, wie die aneinander vorbei kommen wollen. Hab ich auch nicht mitbekommen, weil ich das Hindernis viel früher überwinden konnte als die Autos. Und während sie mit einem Bagger und zwei Bulldozern den Berg abtrugen, rutschte immer wieder neues Material nach, langsam wie in Zeitlupe. 

Heute Abend hat mich wieder ein freundlicher Inder mit nach Hause genommen. Hier seine Familie, es fehlt noch eine Tochter, die kam später. Todschickes Haus. Er ist der erste Inder, der die Existenz des indischen Kastensystems zugibt, alle anderen, die ich bisher danach fragte, wollten nichts davon wissen und behaupteten, das gibt es heute nicht mehr. Und er gehört der Kaste der Brahmanen an, das ist die höchste Stufe. Natürlich hat er auch einen standesgemäßen Government Job, das bedeutet mit Pensionsanspruch, und verdient ein Schweinegeld von 250.000 Rupies monatlich, das sind über 3000€. Für indische Verhältnisse ist das stinkreich. Ihr könnt an meiner Wortwahl erkennen, wie sehr mir solche sozialen Ungerechtigkeiten missfallen. Das Verhältnis zu seiner Frau erfüllt eindeutig den Tatbestand der Sklaverei. Wir kommen heim, setzen uns aufs Sofa, plaudern angeregt, seine Frau verschwindet in der Küche um uns zu bedienen. Es muß eine strenge Arbeitsteilung geben.

Wenn man ein bisschen genauer hinschaut, kann man jeden Tag Frauen mit mindestens einem blauen Auge auf der Straße sehen. 

Gut, Männer haben auch ihre Sorgen, aber Frauen müssen um ihr Leben fürchten, nicht nur in Indien oder Costa Rica, auch in Deutschland. Wenn der Partner ausrastet, wirds gefährlich.