Blog 31 Indonesien

Sumatra

Fr 30.08. Medan (km 22.225)

Nun habe ich mich entschlossen, meinen Indonesien Aufenthalt zu verkürzen. Ich habe am Flughafen in Medan, das ist die größte Stadt auf Sumatra ein Visum für 30 Tage für 43 € bekommen, das war bisher das schnellste Visum, hat 5 Minuten gedauert. Das kann ich unterwegs in jeder Stadt nochmal um 30 Tage verlängern. Wenn mir das nicht reicht, muss ich nach diesen 2 Monaten kurz aus- und wieder einreisen, dann krieg ich nochmal 2 Monate. Vielleicht finde ich ja unterwegs einen indonesischen "Sponsor", dann geht auch mehr. 

So 01.09. Tebing Tinggi (km 22.289)

Soweit ich es jetzt nach 2 Tagen beurteilen kann, liegt Sumatra in der Nähe von Thailand, was den Lebensstandard betrifft, und in der Nähe von Indien, was die Mentalität angeht. Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, sind wir sofort von einer Menschenschar umringt, fast jeder grüßt mich, wenns sein muss lautstark aus 200 m Entfernung. Noch geht es, das habe ich jetzt schon lange nicht mehr gehabt. Im Rest von Südostasien sind die Leute etwas zurückhaltender. Da gibt es Menschen, die wollen ein Selfie mit mir machen und weil sie kein Englisch können, fragen sie mich auch nichts, sie machen nicht mal einen Versuch mit mir zu reden, sie machen nur ihr Selfie und verschwinden wieder. Sie erkennen mich aus 500 m Entfernung als Alien und so einen kriegt man nicht jeden Tag vor die Linse. Die Sprache ist wie auch in Singapur der malaysischen ähnlich, viele Wörter sind identisch und alle 3 verwenden das lateinische Alphabet, bis jetzt als die einzigen in Südostasien. Das ist für mich vorteilhaft, da kann ich selbst jedes Wort übersetzen und verstehen. 

Bisher habe ich noch keinen Urwald gesehen. Hier wechseln sich Plantagen mit Ölpalmen mit anderen wie Maronis (Esskastanien), Bananen, Papayas, Rambutan Kautschuk und mit Reisfeldern ab. 

Di 03.09.? (km 22.356 H 600m)

Ich werde den Ortsnamen nachliefern, sobald ich ihn herausgefunden habe. Langsam gehts bergauf, vor mir liegt das Barisan Gebirge, das sich entlang der gesamten Südwest Küste hinzieht. Nach Südosten wird es immer höher, da sind einige 3000er dabei, der höchste heißt Kerinci und hat 3805 m und das ist einer der aktivsten Vulkane der Insel. Der letzte Ausbruch war 2016. Nicht weit draußen vor der Südwest Küste der Insel verläuft die Grenze der eurasischen Platte und da schiebt sich die australische Platte mit relativ hoher Geschwindigkeit von 5,5 cm pro Jahr drunter. Das ist der Grund für die Existenz des Gebirges und der Vulkane.

Sumatra ist übrigens etwas größer als Deutschland, dazu gehören noch ein paar kleinere Inseln und hat etwa 55 Millionen Einwohner. 155 Millionen Indonesier leben auf Java und das hat nur 25% der Fläche von Sumatra. Ich fürchte, wenn ich auch noch dorthin komme, dann wird es eng.

Ihre Katastrophen Währung heißt Rupia. Ich nenne sie so, weil man für einen Euro 16.000 Rupia bekommt. Ihre Religion ist überwiegend der Islam, aber da wo ich gerade bin, scheinen mir die Christen in der Mehrheit zu sein. Die unterscheiden sich aber kaum von den anderen Indonesiern. Aber die Inbrunst, mit der sie ihren Glauben und ihre vermeintliche Andersartigkeit vertreten, geht mir auf die Nerven. 

Do 05.09. Parapat (km 22.392 H 900)

Das ist der Danau Toba (Tobasee). Links ist kein Ufer, sondern eine Insel, die alleine ist schon größer als der Bodensee. Die Leute hier sagen meist Lake Toba, obwohl sie kaum englisch können. Aber das interessanteste daran ist, es handelt sich um einen alten Vulkan. Nicht irgendeiner, dies ist der Kratersee, der nach dem schwersten Vulkanausbruch in den letzten 2 Millionen Jahre entstanden ist. Modellrechnungen ergaben, dass sich dadurch das Weltklima auf Jahre bis Jahrzehnte um bis zu 17 Grad abkühlte. Weltweit! Dies geschah vor etwa 74.000 Jahren, also in einer Zeit, in der die Menschen eh schon von einer Kaltzeit geplagt waren, der sogenannten Würmeiszeit. Diese Kombination von Kälte hat fast zum Aussterben der Menschheit geführt. Nur wenige haben diese Periode überlebt. 74.000 Jahre reichen, um die Caldera (den Kraterrand) zu einem Mittelgebirge mit sanften Hügeln abzuflachen. Die Passhöhe war 1.200 m, der See liegt auf 900. Ich sitze hier auf einer Frühstücks Terrasse und genieße die Aussicht. 

Das ist Nemo (die Abkürzung von einem langen, schwierigen Vornamen) Ricardo. Wir sind uns vorgestern begegnet. Anfangs dachte ich, er geht vielleicht bis zum nächsten Ort und hoffte, ihn bald wieder loszuwerden. Aber er ist immer noch da. Er kann so gut wie kein englisch und auch die Kommunikation über Google Translator war so voller Missverständnisse und Ungereimtheiten, dass ich erst jetzt langsam kapiere. Er ist 21 Jahre jung und ist vor 5 Jahren von zuhause (Zentraljava) fortgegangen. Gestern sagte er noch, er hat keine Familie, heute hat er aber mit seinen Eltern telefoniert. Ein Beispiel für die Kommunikationsprobleme. Jetzt ist er auf dem Weg von Banda Ace (700 km nordwestlich von hier) nach Riau (400 km südöstlich von hier), das liegt in der Mitte von Sumatra. Darauf kann man aber nichts geben, solche Ziele können sich jeden Tag ändern. Das ist ja bei mir auch nicht anders. Jedenfalls zieht er seit 5 Jahren durchs Land, wenn er irgendwo einen Job findet, bleibt er da und irgendwann geht er wieder weiter. Ich vermute, er ist unbewusst langsam auf dem Heimweg. Er hat so wenig Geld, dass er sich keinen Bus leisten kann oder will und geht immer alles zu Fuß. Er ernährt sich ausschließlich von Keksen. Für Zigaretten reicht es aber und die sind nicht billig (20 Stück 3€). Mir werden 10 mal täglich Zigaretten angeboten. Neulich hab ich mal einen solchen freundlichen Menschen gefragt: für wie blöd hältst du mich? Oh, Entschuldigung, das lesen ja auch Raucher.

Mittlerweile ist mir Nemo sehr angenehm, diese Mischung aus Kind und Mann ist einfach köstlich, seine Freundlichkeit und Lebensfreude fast grenzenlos. Jetzt haben wir schon 2 mal in christlichen Kirchen übernachtet. Dass das genauso geht, zumindest hier, hab ich jetzt von ihm gelernt. Er ist Christ, wie viele hier in der Gegend. 87% der Indonesier sind Moslems, 10% und damit die größte Minderheit sind Christen. Die leben hauptsächlich auf Westneuguinea und den südöstlichen Inseln und eine kleine "Enklave" hier um den Tobasee. Ich trage viele Gedanken mit mir, die ich noch nicht ausreichend reflektiert und deshalb auch nicht verstanden habe. Ihnen auf den Grund zu gehen, sie zu verstehen, eventuell auch zu korrigieren, ist ein weiteres Ziel meiner Reise. Dabei helfen mir auch Menschen wie Nemo, so unglaublich das klingt. Dabei entdecke ich fast täglich neues über mich selbst. Z.B. habe ich durch Nemo entdeckt, was mich an der Religiosität der Menschen stört und warum ich so gegen die Gehirnwäsche, der sie ausgeliefert sind, protestiere.

Als ich ihm erzählte, dass ich meistens in Moscheen schlafe, sah ich den Schreck in seinen Augen. Alle, wirklich alle Religionen dieser Welt reden ihren Schäflein ein, sie seien im alleinigen Besitz der absoluten Wahrheit. Sie gehören somit zu den Auserwählten, die sich keine Sorgen machen müssen, sie werden am Ende aller Tage erlöst und gerettet. Die anderen müssen in der Hölle schmoren. Ja warum denn? Die wurden genauso wie die Auserwählten ungefragt und ohne Mitspracherecht in ihr religiöses Umfeld hineingeboren und bemühen sich, gute Menschen zu sein. Trotzdem bleibt der Verdacht, die müssen schon sehr schlecht und böse sein, sonst wären sie ja nicht zur Hölle verurteilt. Gott kann doch nicht so böse und ungerecht sein. Alles Quatsch! Sinnlose, von Menschen gemachte Probleme. Sie hetzen damit die Menschen gegeneinander auf. Auf meiner ganzen Reise habe ich gesehen und gehört, wieviel Angst die Menschen voreinander haben. Überall warnen mich die Leute vor ihren bösen Nachbarn. Das kann doch nur zu Überreaktionen führen, wenn irgendjemand was falsch macht. Und ich habe jetzt schon einige religiöse Konflikte knapp verfehlt (Sri Lanka, Kaschmir), die meine Theorie bestätigen. Es liegt nicht an den Menschen! Die sind im Grunde ihres Herzens freundlicher und hilfsbereiter, als wir es uns in unserer fehlgesteuerten Phantasie vorstellen können. Überall auf der Welt! Es liegt an der Hetze, die meistens so getarnt wird, dass wir sie nicht als solche erkennen können. Egal ob die Begründung wirtschaftliche, politische oder religiöse Argumente nutzt oder besser mißbraucht, es ist eine Lüge. 

Fr 06.09. Tuk-Tuk (km 22.400)

Das ist ein kleiner Ort auf der Kraterinsel. 

Die Überraschungen nehmen kein Ende. Gestern sind wir 36 km gegangen und das war zuviel für Nemo. Er bekam muskuläre Probleme und hat jetzt einige Blasen an den Füßen. Die sind aber auf schlecht passende Schuhe zurückzuführen. Jedenfalls hat er die letzten km schon gehumpelt. Ich habe ihm vorgeschlagen zu tauschen, er ist jetzt 69 und ich 21. So haben wir einen Ruhetag beschlossen, ich gestehe, ich kann ihn auch gut gebrauchen. Wir haben einen Abstecher auf die Insel gemacht. Insel heißt auch hier Pulau und sie heißt Samosir. Viele Vulkankrater haben in der Mitte einen Kegel, daraus wurde diese Insel, als der Krater sich mit Wasser füllte. Aber jetzt zur Überraschung. Zu diesem Ausflug haben wir uns sehr spontan entschlossen. Am Hafen von Parapat kaufte ich etwas Obst, da sprach uns einer der Umstehenden an. Jedes Kind sieht, dass Nemo Indonesier ist und ich irgendein Ausländer bin. So fragen sie meistens ihn über mich aus, was natürlich viel einfacher ist. Nach wenigen Wortwechseln haben sie erkannt, dass dieser Mensch ein Onkel von Nemo ist und beide haben sich nie zuvor gesehen. Nemos Familie mütterlicherseits stammt also von einem Bergdorf auf dieser Insel, wo die Menschen heute noch ohne Geld und Strom und Internet, aber angeblich glücklich leben. Daraufhin sind wir mit der nächsten Fähre rüber gefahren. Gleich in Hafennähe betreiben sie eine Pension, kleine Gartenhäuschen sind die Zimmer, da haben sie uns für eine Nacht einquartiert. Morgen machen wir eine Rundtour um die Insel. 

Sa 07.09. Tuk-Tuk (km 22.415)

Ich könnte schwören, dass Nemo mir die Geschichte mit diesem Onkel so erklärt hat, wie ich es beschrieben habe, aber es stimmt nicht. Die haben nur zufällig den selben Familiennamen. In ganz Asien ist es üblich, dass Jüngere Ältere Männer mit Onkel ansprechen. Das hat mich schon seit Indien gestört, wenn Kinder mich und andere ältere Männer Onkel nennen. Das schafft eine für sie oft gefährliche Nähe und Vertrautheit. Nach einigen Kindesmissbrauchs Fällen ist das in Deutschland absolut verpöhnt und das ist gut so. 

Das ist in den Bergem von Samosir. Wir haben uns einen Guide geleistet, der uns zu einigen der schönsten Plätze auf der Insel führen will. Er heißt Jeri und sitzt rechts von mir auf der Treppe. Nemo ist der Fotograf, der Rest ist eine Bauernfamilie hier im Süden von Samosir, in etwa 1250 m Höhe. 

Mo 09.09. Siborongborong (km 22.497/ H 1400m)

Das Dorf im Süden von Samosir. Es ist tatsächlich nur über Fußwege erreichbar und besteht aus 7 solcher und ähnlicher Häuser. Momentan war wohl niemand zu Hause, aber die Wäsche auf einer Leine und herumlaufende Hühner und Hängebauchschweine sind ein überzeugendes Indiz, dass es noch bewohnt ist. Sicher nicht mehr lange, die Kinder gehen fort, um irgendwo einen Job zu finden.


Der Pass am südlichen Kraterrand war ebenfalls 1200 m hoch (über dem Meer), aber danach ging es hügelig weiter.

Am Sonntag habe ich Samosir verlassen, alleine. Nemo hat inzwischen schon davon geträumt, bis zum Ende unseres Lebens mit mir zu gehen. Dabei hat er fast kein Geld und keinen Pass. Ich kann ihn mit meiner mickrigen Rente nicht durchfüttern. In Indonesien wäre es schon möglich, aber ich muss für teurere Länder wie z.B. Australien / Neuseeland sparen, sonst stelle ich es mir schwierig vor. Außerdem kann er nicht so weit gehen jeden Tag. So habe ich seinen "Onkel" gefragt, ob er ihn nicht irgendwie beschäftigen kann, und er kann. Sie wollen es zumindest versuchen. War ganz schön schwierig, ihm das klarzumachen. Danach sind einige Tränen geflossen. Wenn es ihm dort nicht gefällt, kann er immer noch nach Hause gehen zu seiner Familie, die könnten seine Hilfe gut gebrauchen. 

Di 10.09. Tarutung (km 22.528)

Auch hier bin ich überall wo ich hinkomme ein Superstar. Die Leute schütten mir ihr Herz aus und weil sie glauben bzw. sehen, dass ich stinkreich bin, bettteln mich auch immer wieder einige an. In Deutschland bin ich mit meiner Rente arm, aber hier ist das viel Geld. Und ich kann mir tatsächlich mehr leisten, als die meisten von ihnen. Wenn ich hier behaupte dass ich arm bin, ist das eine Lüge. Ein Mann erzählte mir, sie wollen seine Tochter von der Schule werfen, weil er das Schulgeld seit 7 Monaten nicht bezahlen kann. Er wollte 2 Millionen Rupia von mir, aber er raucht. Inzwischen weiß ich ja, was die Zigaretten kosten. Wenn er nur eine Schachtel am Tag raucht, sind das 25.000 Rupia täglich, mal 30 sind 750.000 R im Monat. Die Schule kostet 2 Mio./7 = 286.000 pro Monat. Vielleicht stimmt meine Rechnung nicht ganz, aber die Größenordnung wird schon einigermaßen passen. Er verraucht ein vielfaches vom Schulgeld und bettelt mich an. Er weiß genau, dass die Zigaretten ihn eines Tages umbringen und entscheidet sich, sein Geld lieber in Siechtum und Tod zu investieren, als in das Leben seiner Tochter, und weil es ja kein Sozialsystem gibt, auch in seine Zukunft. Wie blöd bin ich denn, ihm das Geld zu geben. Dann muss er sich nicht einschränken. 

Fr 13.09. In der Pampa (km 22.607 / H 900 m)

Ich bin etwa 25 km vor Padang Sidempuan. Es gibt schon Häuser aber das sind keine für mich als solche erkennbaren Ortschaften. Freitag der 13. ist auch kein Unglückstag für mich. Das ist ein Tag wie jeder andere. 

In einer kleinen Gaststätte wo ich gefrühstückt habe, hat mir die Wirtin ihr Herz ausgeschüttet. Sie kann gut englisch weil sie ein paar Jahre in  Singapur gearbeitet hat. Ich schätze sie auf 35 Jahre, sie hat eine kleine Tochter aber, was das schlimmste für sie ist, keinen Mann. Sie kennt einen Pakistani, sie ist selbst auch Muslima, aber der will sie mitnehmen nach Pakistan und sie weiß genau, was das für Frauen bedeutet. Hier in Indonesien lebt sie relativ frei, das will sie nicht aufgeben. Sie steht jeden Tag den ganzen Tag in der Küche, von 6 Uhr früh bis 21 Uhr abends. Kein Tag frei, kein Urlaub, kein Feiertag. Da soll mir nochmal einer behaupten, die Menschen in den Entwicklungsländern sind so arm, weil sie dumm und faul sind.


Auf Sumatra gibt es auch viele verschiedene Sprachen. Ich bin hier im Batakland, die Sprache heißt auch Batak und ist komplett anders als Indonesisch. Im Google Übersetzer findet man Batak nicht, aber jeder hier kann auch indonesisch. 

Was hier aussieht wie kleine, dicht beisammen stehende Bäume, das ist Maniok, hier nennen sie es wie auch in Südamerika Tapioka. Die Wurzeln bilden Lange Knollen, die können bis zu einen Meter lang werden, bis zu 15 cm Durchmesser und 10 Kg erreichen . Die Schale ist sehr dick und hart, zum Schälen braucht man eine Machete oder einen speziellen Schäler, der wie ein überdimensionaler Kartoffelschäler aussieht. Das ist meistens ein Job für Männer. Das Innere dieser Wurzelknolle erinnert an Kartoffeln, hat aber sonst nichts damit zu tun. Es schmeckt viel besser als alle Kartoffeln die ich kenne. Als ich es zum ersten Mal aß, war ich sofort süchtig danach. Sie sind roh giftig, zu viel Blausäure. Die verflüchtigt sich aber beim Kochen. Man kann es auch zu Mehl verarbeiten und viele leckere Gerichte daraus machen. Zur Vermehrung hacken sie die Stämme in etwa 20 cm lange Stücke, die stecken sie einfach in die Erde, Gießen, fertig. Daraus werden neue Pflanzen (im Vordergrund links). 

Sa 14.09. Padang Sidempuan (km 22.638/H 250)

Gestern war der höchste Punkt auf meinem Weg 1500m hoch, es geht hier ganz schön auf und ab. Nach Breitengraden gemessen habe ich jetzt die Höhe von Singapur wieder erreicht, 1,3 Grad nördlicher Breite. In etwa einer Woche überquere ich den Äquator. Seit Medan steht die Sonne senkrecht über mir, ist aber nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich glaube, ich habe mich daran gewöhnt. Über 1000 m Höhe ist es tagsüber recht angenehm, nachts wird es ziemlich kalt (ca. 20 Grad). Da muss ich aufpassen, dass ich mich nicht erkälte. Warmes Wasser zum Waschen gibt es auch da oben nicht, das ist saukalt, jedesmal eine Herausforderung. Die Leute hier ziehen sich so warm an wie bei uns im Winter. Auch Handschuhe. 

Der gute Mann klettert barfuß auf diese Palme. Ziemlich hoch oben hängt eine Plastiktüte, die ist an einem abgeschnittenen Blütenstengel befestigt, daraus tropft ein milchig weißer Saft in die Tüte, den "erntet" er. Dieser Saft ist alkoholhaltig, sie sagen 3%, ich hätte den Gehalt höher eingeschätzt. Tuak heißt es und es ist hier ein Nationalgetränk wie in Bayern das Bier. Es muß nicht weiterverarbeitet werden, es tropft trinkfertig aus der Palme. Das geht auch mit der Kokospalme, dann schmeckt es etwas anders, aber nicht nach Kokos. Und wie beim bayerischen Bier schmeckt es vielen Frauen nicht, es ist hauptsächlich ein Männergetränk. Mich reißt es auch nicht vom Stuhl, aber ich kann es trinken. 

So 15.09. Siabu (km 22.678/H 175m)

Sumatra hat mit die höchste Artenvielfalt sowohl bei den Tieren als auch bei den Pflanzen. Weltweit. Die Auswahl an Obst und Gemüse auf den Märkten ist überwältigend, und doch wissen viele hier nichts damit anzufangen. Bei den privaten Familien das Essen ist oft verheerend primitiv. Da gibt es nichts anderes als Reis und Fleisch und davon mehr als genug. Ersatzweise kann ich ein gebratenes Ei bekommen. Sonst keine Spur von irgendwelchen Pflanzen. In den Gaststätten sieht es oft nicht viel besser aus. Und wenn doch, dann bleibt das Gemüse meistens auf dem Teller liegen, die meisten Leute wollen nur das Fleisch essen und den Reis. Dass die nicht alt werden, bei dieser Mangelernährung wundert mich nicht mehr. Dazu kommt noch, dass 99% der Männer rauchen. Ihr eigenes Leben ist etwas völlig unwichtiges und sie haben keine Ahnung, wie man es länger gesund erhalten kann. Und wenn sie mich nach meinem Alter fragen und ich sage 69, dann fällt ihnen die Kinnlade runter. Für mich ist das so normal und selbstverständlich, dass mich ihre Reaktion jedesmal wieder genauso überrascht.  Es liegt auch nicht am Preis, das Kg Fleisch kostet 10 mal soviel wie ein Kg Gemüse. Aber die Leute hier sind nicht arm. Ich schätze 50% haben Übergewicht, manche auch extrem.


Ihre Freundlichkeit und Neugier ist auch vergleichbar mit Indien. Obwohl oder weil? es hier kaum Touristen gibt, denkt jeder zweite, er muss mich anquatschen. Meist begnügen sie sich mit einem "Hallo Mister" oder how arr you (das r hört sich wirklich so an), oder where arr you. Es hat keinen Sinn nachzufragen was sie meinen, sie können nichts anderes als diese 3 Worte wie ein Papagei nachzuplappern, aber das mit einer nervtötenden Dreistigkeit. Nach einer Stunde macht es mich mental müde und nach zwei Stunden wahnsinnig. Ich muss dann meine Ohren verschließen und darf nicht mehr hinhören, sonst werde ich aggressiv. Und je energischer jemand seine Formel vorträgt und auch noch eine Antwort erwartet, desto widerwilliger reagiere ich. Ich gehe einfach weiter und stelle mich taub. Und manche rufen mir noch 200 m lang nach und denken, ich würde auf diese Distanz mit ihnen kommunizieren, oder dass ich umkehren und mit ihnen reden soll. Beides kommt für mich nicht in Frage. I never go back. Ein paarmal schon habe ich mir demonstrativ die Ohren zugehalten, damit er sieht, dass ich ihn höre, aber keine Lust habe auf eine weitere Unterhaltung. Mit ihren Landsleuten machen sie das nicht. Nur mit mir, weil jedes Kind sieht, dass ich ein Ausländer bin. Auch hier haben sie schon gelernt, dass der Kunde König ist und nach dieser Logik glauben sie, dass ein Ausländer ein Kaiser sein muss. Ihm in den Arsch zu kriechen würde sich irgendwie lohnen. Soweit ich zurückdenken kann, habe ich solche Arschkriecher schon als Kind verachtet. Dass ich jetzt plötzlich das Objekt ihrer Begierde bin, beleidigt mich und macht mich drüberhinaus wütend.


Mi 18.09. Sunpadang (km22.797/H 220m)

Ich urteile nicht über jeden der mich freundlich grüßt so hart. Es kommt schon auf den Ton an und auf meine Stimmung. Der Ton ist manchmal unverschämt, meine Stimmung nach mehreren solcher Attacken überreizt und mein Urteil ungerecht. Das war nur eine Schilderung meiner Gefühle. Ich kann wirklich nicht mit jedem sprechen der das will, dann würde meine Reise 20 Jahre dauern und ich möchte noch lebend wieder heimkommen. Mit den meisten von ihnen ist wegen mangelnder Sprachkenntnisse beiderseits eh keine Unterhaltung möglich und oft kommen auch nur so blöde Fragen die mich nicht interessieren. Sie stehlen und verschwenden nur meine Zeit und davor muss ich mich irgendwie schützen.

Diese Sorglosigkeit ist schon mehr als verblüffend für einen Europäer. Die Statistik über Verkehrsunfälle weist für Indonesien "nur" 3 mal mehr Tote pro 100.000 Einwohner aus im Vergleich zu Deutschland, aber dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass es viel weniger Kraftfahrzeuge gibt (pro 100.000 Einwohner) und dass nicht alle Verkehrsunfälle gemeldet werden und Eingang in diese Statistik finden. Ich habe das Foto einem Polizisten gezeigt, mit dem ich mich unterhalten konnte, der hat nur gelacht. Es gibt kein Gesetz das sowas verbietet. Nirgendwo in Asien.