BLOG 19 Karnataka 2, Goa

Di 08.05. Thokur (km 8969)

Das erste Mal habe ich Karnataka von Nordwesten nach Südosten durch die Mitte durchquert, diesmal von Südwesten nach Nordwesten. Und die Hitze ist weiterhin mein Hauptproblem dafür ist der Mensch nicht geschaffen. Auch die Inder nicht. Sie freuen sich schon auf den Monsun, der soll nächsten Monat beginnen. Ein bisschen hat er schon begonnen, finde ich. Es regnet inzwischen fast jede Nacht. Mein Zelt ist doch einigermaßen dicht, ich darf nur den Eingang nicht öffnen, wenns regnet. 

Eigentlich kann ich mich nicht über meine Hitzeprobleme beklagen, wenn ich die körperliche Belastung von mehr als 30 km Tagespensum bedenke. Meine Körpertemperatur liegt gefühlt bei 38 Grad, und das den ganzen Tag. Wenn ich mir dann mal 100 Gramm Eis einverleibe, mit 0 Grad, sinkt meine Körpertemperatur kurzfristig auf 37,99 Grad, meine Kerntemperatur noch kürzer und tiefer und das empfinde ich als spürbare Erleichterung. 

Do 10.05. Kota (km 9036)

Mi 09.05. Panchajanya (km 9008)

Das ist wieder so ein 40 km langer Steg, der parallel zur Küste, durchschnittlich 500m weit draußen im Meer verläuft, hier im Norden ist er 100m breit, im Süden mehr. Sieht aus, als wäre er aus einem Riff entstanden. Der so abgeschnittene Streifen vom Meer ist jetzt ein Backwater. Das Foto zeigt die linke, die Meerseite. 

In Karnataka leben "nur" 319 Menschen pro Qkm, zur Erinnerung: in Kerala waren es 855! Den Unterschied sieht man sofort. Hier gibt es wieder Lücken zwischen den Ortschaften, hier gibt es null Tourismus, das heißt, nicht so eine von geschäftlichen Interessen getriebene, künstliche Freundlichkeit, die in Wahrheit eine Unverschämtheit ist und mich beleidigt. Das war in Kerala genauso wie in Sri Lanka. Und beide Länder haben viel Tourismus. Hier kann ich wieder freier atmen. Das ist ein Unterschied wie zwischen Stadt und Land in Bayern. Am Land grüßt jeder jeden, in der Stadt grüßt kein Mensch. Ich habe das auch manchmal bedauert, jetzt ist mir klar geworden, das ist gut so, wenn es zu oft passiert, dann nervt es. 

Jetzt weiß ich auch, warum das Tourismuss heißt: weil jeder dahin muss, wo alle hinfahren.

Hierher nach Karnataka kommt kein Schwein, dabei ist es viel schöner. Keine Hotelburgen mit Swimmingpool am Meer, seit ich in Karnataka bin ist die Küste ein fast durchgehender Sandstrand, fast Menschenleer und das Wasser ist viel sauberer. 

So sieht es aus, wenn Inder im Meer baden. Weiter gehen sie nicht hinein und ausziehen dürfen sie überhaupt nichts. Ich vermute, auch wir schaffen uns alle Probleme und Hindernisse selbst, direkt persönlich, oder als Gesellschaft. Auch die Strände sind übrigens erstaunlich sauber. 

Fr 11.05. Khambadakone (km 9074)

Damit will ich zeigen, welche Schätze im Untergrund schlummern. Ich meine die Farbpalette des Granits. 

Gestern Nacht hats wieder ordentlich geregnet, mit einem Gewitter, das mir doch Angst eingejagt hat. Die Blitze prasselten ohne Unterbrechung direkt über mir herunter, das schloß ich aus der Lautstärke. Schallzeit stoppen funktioniert da nicht mehr, weil ich nicht wusste, welcher Donner zu welchem Blitz gehört. Zu allem Übel hat auch noch der Reißverschluss vom Eingang meines Zeltes den Geist aufgegeben, so kam doch wieder eine Menge Wasser ins Zelt. Jetzt reicht es, ich suche mir ein neues, besseres. 

Sa 12.05. Murudeshwara (km 9117)

So sehen alle Sportplätze in diesem ersten Drittel der Welt aus, nur nicht in Mitteleuropa. Das hat schon in Ungarn angefangen.

Die Berge im Hintergrund sind die Westghats. 

Gestern hab ich nach dem Abendessen vor dem Restaurant unter einem Blechdach gezeltet. Mit Erlaubnis. Und tatsächlich hats kurz darauf wieder heftig geregnet. Heute habe ich ein Hotel gefunden, für 400 Rupies. 

So 13.05. Kundguni (km 9157)

Das ist noch in Murudeshwara. Ein paar Touristen Zentren hat Karnataka doch auch, und siehe da, die Menschen benehmen sich, wie ich es in Kerala und in Sri Lanka beschrieben habe. Jeder Idiot glaubt, er kann oder muss mich belästigen. Wenns nicht so viele wären, wärs keine Belästigung. Aber der einzelne weiß nicht, wie oft ich mir das anhören muss, jeder denkt, er wäre der einzige. Wenn mir jemand was nachruft, reagiere ich nicht mehr. Manche wiederholen sich dann noch lauter, in mir sträubt sich alles gegen einen Befehlston, oder was so klingt (wer glaubt er dass er ist?). Erschwerend kommt noch hinzu, dass ich schon wieder in der Zeitung stand und viele haben es gelesen. Diese Prominenz macht es auch noch schlimmer. 

In ganz Südindien gibt's keine gebrannten Ziegelsteine. Die werden hier aus einem weichen Fels geschnitten und haben ähnliche Eigenschaften. Damit werden Häuser und Mauern gebaut und Wege gepflastert. Auch die Festung im Norden von Kerala war komplett aus dem Material. 

Mo 14.05. Ankola (km 9199)

So sehen die Mauer Bau Steine aus der Nähe aus. 

Mit dem Bild wollte ich euch das Teufelchen zeigen. Bei den Hindus ist das ein Guter, eine Art Schutzengel, der das Böse fernhält. 

Hier hat er sogar Hörner. 

Di 15.05. Sadashivgad (km 9239)

GOA

Mi 16.05. Palolem (km 9276)

Das ist die Grenze von Karnataka nach Goa, da war ich heute früh um 7:00. Stichprobenartig schauen sie genauer hin, ein Autofahrer musste sogar seinen Kofferraum aufmachen. Die anderen Grenzen in Indien sind nicht wahrnehmbar als solche. 


Do 17.05. Cavelossim (km 9311)

Goa ist der kleinste indische Bundesstaat, in Nord-Süd Richtung 150 km, West-Ost 65 maximal. Im Norden liegt Maharashtra, vielleicht erreiche ich es morgen schon.

Die Landessprache heißt Konkani, das ist eigentlich nur ein Dialekt des Marathi (der Landessprache von Maharashtra), ist aber inzwischen als eigene Sprache anerkannt. Daneben wird auch Marathi offiziell verwendet. 

Sa 19.05. Mormugao (km 9363)

Internet ist hier wieder lückenhaft.

Goa gehört wie Kerala zu den Staaten mit dem höchsten Lebensstandard, der besten Schulbildung, der niedrigsten Analphabetenquote usw. Das bedeutet aber nicht, dass es da keine Idioten gibt. Zu der Zeit, als ich in Kerala war, wurde dort eine europäische Touristin vergewaltigt und ermordet. Die Stadt heißt Kovalam, da bin ich auch durchgekommen. Die Leute haben mir auf der Straße davon erzählt und sie waren ziemlich entsetzt und erschüttert. Manche ergingen sich in Rachegelüsten und ich sollte mich daran beteiligen. Aber ich kann das nicht. Ich kann kein gerechtes Urteil fällen oder Strafmaß finden. Bei den Tätern fehlt es so weit, ich bezweifle, dass die überhaupt schuldfähig sind. Und wenn man da  nicht sofort und energisch in Bildung und soziale Entwicklung investiert, machen sich die Regierung und die ganze Gesellschaft mitschuldig. Und das passiert ja nicht zum ersten Mal, das ist doch schon seit Jahrzehnten klar. Und seit Jahrzehnten ignoriert ganz Indien das Problem. Und nicht nur dieses. Immer noch werden Mädchen abgetrieben,  ermordet, oder sterben wegen Vernachlässigung und Unterernährung (es sollen über 200.000 pro Jahr sein). Solange die Mütter selbst glauben, dass sie minderwertig sind, wird sich das nicht ändern.

Die überlebenden Mädchen werden zu einer Sklavenrolle erzogen, die Jungs zu einer Pascharolle. Und nur weil sie keine Alternative kennen, nehmen alle das unkritisch als gottgegeben und gottgewollt hin. Und die Pfaffen und Mullas und Priester tun alles, damit das so bleibt. Mein Fazit: es gibt noch viel zu tun. Und doch ist es 1000 mal leichter, als dass alle nach Deutschland kommen, die das möchten (ich schätze 1,0 von den 1,3 Milliarden Menschen in Indien).

Inzwischen habe ich auch verstanden, woher sie diese wohlwollenden Gefühle für Deutschland und Adolf Hitler haben. Der 2. Weltkrieg war zur gleichen Zeit wie die Unabhängigkeitskämpfe in Indien, und wenn Hitler nicht die gesamten englischen Streitkräfte gebunden hätte, wäre die Befreiung möglicherweise nicht gelungen. Sie halten ihn immer noch für einen Verbündeten. Sie haben keine Ahnung, wieviele Menschen wegen ihm gestorben sind, und wie er nicht nur Europa, sondern auch viele andere Länder außerhalb, in seiner kurzen Amtszeit in Schutt und Asche gelegt hat. 

Sie verschwenden keinen Gedanken an irgendwelche Schadstoffe, wenn sie den Reis auf der Straße trocknen. 

Oder Fische. 

Mormugao ist  mit knapp 100.000 Einwohnern eine der größten Städte in Goa. Wenn man es mit Google sucht, findet man erstmal nur Vasco da Gama. Das ist aber nur ein Stadtteil von Mormugao, den haben sie nur wegen der Prominenz seines Namens so hervorgehoben. Nördlich der Stadt ist eine große Bucht, der ideale natürliche Hafen. Deshalb hat sich hier überhaupt so eine große Stadt entwickelt. In diese Bucht mündet ein großer Fluss, der Zuari River. Die nächste Brücke ist der High Way (hat lustigerweise die Nummer 66, und zieht sich, wie ich es bisher sehe, die gesamte indische Westküste entlang), sie liegt etwa 15 km östlich der Stadt. Ich stehe gar nicht so auf große Städte, den Umweg habe ich eigentlich nur wegen meines Zeltes gemacht. Ich dachte, wenn es eine Chance gibt, ein neues zu finden, dann hier, die nächste vermutlich erst in Mumbay (550 km). Und das Ergebnis: bisher negativ. Ich bin bis ans Westend der Stadt gegangen, habe im Internet die Adresse eines Sportshops gefunden, die haben aber keine Zelte. Sie schickten mich zu einem anderen Shop, der hat aber auch nix. Die wollten mich wieder zum ersten zurück schicken, aber jetzt habe ich erstmal einen Schlafplatz gesucht und gefunden. Am Baiana Beach, Westseite der Halbinsel. Sogar mit Dach. 

Mo 21.05. Pernem (km 9422)

Morgen früh überquere ich die Grenze zu Maharashtra. Am Donnerstag habe ich behauptet, ich könnte es vielleicht am Freitag erreichen. So kann ich mich manchmal täuschen. Diesmal bin ich mir sicher, der Grenzfluss heißt Terekhol und ist noch 5 km entfernt. Morgen Abend schlage ich dann wieder eine neue Seite auf. 

Heute habe ich mal einen Blick in die Kühlbox geworfen, in der die Zuckerrohr Saft Hersteller und Verkäufer ihr Eis aufbewahren, von dem sie auf Wunsch etwas in den Saft geben. Routinemäßig legen sie auch immer etwas Zitrone und Ingwer zwischen das Zuckerrohr, das wird dann zusammen durch eine Walzenpresse ausgepresst. Schmeckt mir immer noch so gut, dass ich mir durchschnittlich jeden Tag ein Glas kaufe. Aber was ich in dieser Box gesehen habe, hat mir den Appetit verdorben. Diese Box ist aus Styropor (Polystyrol), sonst nichts. Es gibt hier alle paar km eine Eisfabrik, dort kaufen sie morgens einen großen Würfel, legen ihn in die Box und dort schmilzt er natürlich langsam vor sich hin. Das Schmelzwasser war eine braune Brühe, aus der fischte er je ein Stück Ingwer und Zitrone. Wie soll man eine nackte, bröselige Polystyrol Oberfläche auch reinigen, das geht überhaupt nicht.

Die Walzenpresse wird meist von einem Benzinmotor angetrieben, da muß man ab und zu Benzin nachfüllen, außerdem ist er ölverschmiert, genau wie das Getriebe der Presse, das beiderseits der Walzen offenliegt. Es ist also nicht auszuschließen, dass der Saft mit Mineralöl kontaminiert werden kann. 

Die hygienische Kompetenz der Inder liegt auf einem animalischen Niveau. Wenn man zuschaut, wie sie Geschirr waschen, wird jeder durchschnittliche Europäer gegen einen Brechreiz ankämpfen müssen. Sie schauen dabei nicht hin. Entsprechend sehen die Gläser aus, in denen einem Tee oder Kaffee serviert wird. Nur ein paarmal in den 4 Monaten, die ich bis jetzt in Indien und Sri Lanka war, habe ich saubere Gläser gesehen. Wenn ich aufs Essen warte und höre den Koch in der Küche husten oder niesen, sehen kann man ihn meist nicht, wird mir auch immer etwas komisch zumute. Da fällt mir z. B. ein, dass es in Indien die meisten Tuberkulose Kranken weltweit gibt. Niemand weiß es genau, aber es müssen Millionen sein.



Zum Schluß noch was Schöneres. Diese Blüten erinnern an Löwenzahn, haben aber etwa 15 Zentimeter Durchmesser und sind stabiler. 

Auch eine eigenartige Schönheit am Wegesrand.