BLOG 21 Himachal Pradesh

So 01.07. Manali (km 10398)

Am letzten Tag vor Manali habe ich etwas geschwächelt, deshalb hab ich mir wieder einen Ruhetag verordnet. Benjamin war in irgendwelchen Kneipen und hat dort bis nach Mitternacht Fußball geguckt. Mit Ausschlafen und Wäsche waschen haben wir den Vormittag verbracht, nachmittag hab ich mir dann ein neues Zelt gekauft, größer und schwerer als das alte. Da passen auch 2 Leute rein, 2,6 kg. Weniger gibts nicht in Indien. Dafür sieht es stabil aus (38 €).

Abends war wieder Fußball, diesmal bin ich mitgegangen. Dänemark gegen Kroatien. Anpfiff war um 23:30 indischer Zeit, Ende und Niederlage für die Dänen nach 11 m schießen um 02:30. Benjamin hat es tapfer ertragen. Sein Club hat sich viel besser geschlagen als zu erwarten gewesen war (Dänemark hat nur 5,8 Millionen Einwohner). Morgen wollen wir nochmal ausschlafen und dann zur Polizei gehen und fragen, ob wir für unseren weiteren Weg ein Permit brauchen. 


Yaks, die für touristische Zwecke missbraucht werden. 

Mo 02.07. Leh-Manali Highway, 26km vorm Rohtang La (km 10.424)

Höhe 2950 m.

Benjamin hat mit dem Polizisten gesprochen, während ich unser Gepäck bewacht habe und er kam mit einer guten Nachricht, als Fußgänger brauchen wir überhaupt kein Permit. (Das kostet 400 Rupies + 20 für jeden Tag). 

Der Leh-Manali Highway 

Das nächste Bild funktioniert nicht, weil das Internet hier zu schwach ist. Text geht.

Wir haben doch noch 100km gemeinsam, ehe sich unsere Wege trennen, was gar nicht mehr so sicher ist. Vielleicht kommt er mit nach Leh und zum Kardung La, vielleicht gehen wir noch weiter ins nächste Tal, die Straße endet kurz vor der chinesischen Grenze, und das ist viel weiter nördlich als Kargil. Kurz nach unserem Aufbruch begann es zu regnen, schwach, aber den ganzen Tag. In Palchan haben wir das Beas Tal verlassen, wir müssen nach rechts über die Berge ins Chanab Tal. Dabei müssen wir den Rohtang Pass überwinden und der hat 3978m. Von hier noch 30km und ca. 1000 Hm. Hier auf knapp 3000m ist es bei Regen saukalt und Benjamin dachte, er kann das im T Shirt machen. Zum Glück habe ich eine Windjacke die etwas größer ist, in die kann er sich hinein quetschen. Wir haben einen wunderschönen Zeltplatz gefunden, hoch über dem Beastal. Jetzt ist schon Dienstag 10 Uhr morgens und wir hoffen auf eine Regenpause, damit wir trocken zampacken können (für alle Nichtbayern: das ist ein bayerisches Wort). 

Fr 06.07. Keylong (km 10.513)

Ab dem Rohtang Pass war Schluß mit Internet. Erst jetzt haben wir ein Restaurant gefunden mit W-Lan. Und in Zukunft wird es noch schlimmer. Macht Euch also bitte keine Sorgen um mich, wenn Ihr längere Zeit nichts von mir hört.

Am Dienstag sind wir bei Regen und entsprechender Kälte bis auf 3800m gekommen. Ich war durchnässt bis auf die Knochen, und habe während und nach dem Zeltaufbau so gefroren, dass ich um mein Leben fürchtete. Auch während der Nacht, so dass ich beschlossen habe, per Anhalter oder Bus oder notfalls per Taxi zurück nach Manali zu fahren und mir bessere Ausrüstung zu kaufen. Benjamin hat genauso gefroren wie ich, es hat ihn aber weniger beeindruckt als mich. Er wollte weiter. Es gab Leute, die haben behauptet, jenseits des Rohtang La regnets weniger. Außerdem gehts danach gleich wieder runter. Ich habe mich überreden lassen und so haben wir am nächsten Morgen bei derselben Kälte und Regen und Wind und genauso jämmerlich frierend, unser tropfnasses Zeug eingepackt und sind weiter aufwärts gezogen. Eine Stunde später haben wir den Pass erreicht, zum Glück war da eine kleine Hütte, drinnen 4 Männer, die haben auf einem Blech ein kleines Lagerfeuer unterhalten, Brennstoff waren Plastik Abfälle. Der Qualm war schier unerträglich, wurscht, Hauptsache warm. Mindestens zwei Stunden hat es gedauert, bis unsere Sachen einigermaßen trocken waren und wir gewagt haben, weiter zu gehen. Und tatsächlich wurde der Regen schwächer und hörte innerhalb der nächsten Stunde ganz auf. Zum Essen gab es nichts. Erst abends fanden wir eine niedliche Trucker Kneipe,wo wir essen konnten und auch auf der Sitzbank schlafen durften. Ich war fast trocken so konnte ich gut schlafen. Da waren wir auf 3300m. Am nächsten Tag ging es weiter runter bis etwa 3000m. Hier haben wir einen Bauer gefragt, ob wir unser Zelt in seinem Obstgarten aufstellen dürfen, ja klar, aber er hat einen besseren Vorschlag. Er führte uns zu seinem kleinen Gästehaus, hier können wir umsonst schlafen. Dann begleiteten er und sein Bruder oder Knecht uns zur nächsten Dhaba (Restaurant). Wir waren die einzigen Gäste, die Wirtin kochte aber trotzdem extra für uns.

Heute waren es zur Erholung bloß 15 km, weitere 200m abwärts und dann wieder 300m hinauf. Keylong ist der größte Ort vor Leh, da können wir, vor allem Benjamin, ein paar zusätzliche Klamotten kaufen, für ein Zehntel der europäischen Preise. Ob die Qualität ein Fake ist, wird sich zeigen.

Wir sind hier umgeben von einigen 6000ern.

Sa 07.07. Piukar (km 10.532)

Wir sind noch lange in Keylong herumgeirrt auf der Suche nach geeigneten Klamotten, aber wirklich wasserdichte habe ich nicht gefunden. Der Schreck vom Rohtang Pass sitzt mir immer noch in den Knochen. Er wird als Wasser - und Wetterscheide bezeichnet und das hat sich als richtig erwiesen. Es hat seitdem nicht mehr geregnet. Die Leute hier sagen, das kommt 3 mal im Monat vor. Im Winter wird die Straße nicht geräumt, das heißt, sie ist unpassierbar. Die Bewohner der Dörfer sind für 6 bis 7 Monate von der Außenwelt abgeschnitten. Das heißt, die Vegetationsperiode dauert nur 5 Monate. Ich frage mich, woher wissen die Pflanzen dass sie hier schneller wachsen und reifen müssen? 

So 08.07. Gemur (km 10.545 / H 3200)

Seit 4 Tagen habe ich Durchfall, fühle mich krank und schwach, kann kaum essen. In Keylong habe ich mir Medizin dagegen gekauft, der Apotheker sagte: früh und abends nach dem Essen. Wenn ich aber nichts esse, will ich auch die Tabletten nicht schlucken. So wird das nichts, deshalb habe ich einen neuen Ruhetag beschlossen. Schon am späten Vormittag fand ich ein Homestay für 400 R., da bleib ich. Benjamin hat sich entschieden, doch nach Kargil zu gehen, unsere Wege trennen sich 15 km von hier, da können wir uns auch gleich verabschieden. 

Er war ein angenehmer Begleiter, aber ganz perfekt ist unmöglich. Es hatte Vorteile mit ihm zu gehen, aber natürlich auch ein paar Nachteile, z. B. zusätzliche Wartezeiten. Vorteile: ich fühlte mich sicherer, er konnte besser englisch und hat mehr verstanden als ich. Da wir auch englisch kommunizieren mussten, war es gut für meine Sprachkompetenz.

Ich bleibe noch einen Tag. 

Mo 09.07. Gemur

Habe mich gezwungen, abend zu essen und früh zu stücken und meine Pillen zu schlucken. Jetzt am Abend fühle ich mich deutlich besser. Hier haben sie sogar eine Waschmaschine, das habe ich genutzt und einen ganzen Berg Wäsche waschen lassen.

Ich konnte mit jemandem über die wirtschaftliche Situation in Indien sprechen und der sagte, Indien wäre ein reiches Land, wenn nicht 60% aller Gelder in schwarzen Kassen und hauptsächlich auf Schweizer Konten verschwinden würden. Ich klage die Schweiz hiermit der Hehlerei, der Beihilfe zum Massenmord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. 

Di 10.07. Patsio (km 10.570 / 3700 m)

Von da an geht es wieder bergab. 

Rechts daneben das Dorf, ganz links das Guesthouse, hat nur 2 Zimmer und die sind belegt. Aber ich durfte dafür umsonst im Garten zelten. Zum Essen gab es nur Maggi 2 Minuten Nudeln, immerhin sind Zwiebeln drin und es ist scharf. Auch zum Frühstück. Die Leute sehen schon seit Tagen immer mehr wie Tibeter aus. 

Mi 11.07. Bharatpur (km 10.605 / H 4600)

3 km später ist ein Zelt Camp, da kann man gutes Essen bekommen und auf Matratzenlagern schlafen, für 200 R. Selbstverständlich benutze ich meinen Schlafsack, man kann beliebig viele Decken haben, so ist es kuschelig warm. 

Ladakh

Do 12.07. Debring (km 10.640 / H 4800)

Abends, kurz nach Sarchu fing es wieder zu regnen an. Meine in Keylong erstandenen neuen Klamotten erwiesen sich als völlig unzureichend, so nahm ich das Angebot eines Minibus Fahrers an und stieg ein, nach Leh noch 250 km. Auf dem Weg liegt der Taglang La, ein Pass mit über 5000m und weite Strecken nicht viel niedriger und ich weiß nicht, wie lange es regnen wird. Im Bus war genug Platz mit Liegesitzen, aber leider keine Heizung. Es war nur im Schlafsack auszuhalten. Oben machte der Fahrer eine Übernachtungs Pause in einem Camp, die meisten Passagiere schliefen im Bus, ich auch.  Am nächsten Morgen hat es aufgehört zu regnen, aber immer noch dichte Bewölkung. 

Sa 14.07. Leh (H 3500)

Hier hab ich ein Guesthouse mit W-Lan gefunden, das funktioniert aber nur selten. Jetzt, spät abends geht es wieder, deshalb kann ich meine handschriftlichen Aufzeichnungen in den Blog übertragen.

Das mit dem Regen war schade, soviel ich unterwegs mitbekommen habe, wäre das die bisher schönste Strecke gewesen, und ohne Regen machbar. Nach dem Taglang Pass ging es wieder runter ins Indus Tal. Runter ist gut, das hat immer noch 3500 m und da liegt auch Leh. Und hier ist schönstes Wetter. Kurz nach Sarchu, etwa da wo ich in den Bus gestiegen bin, ist die Grenze zu Kaschmir. 

Mo 16.07. Leh

In der Gegend und Zeit, wo ich lange kein Internet hatte, ist auch noch meine Sim Karte abgelaufen. Die hatte ich mit Hilfe eines einheimischen jungen Mannes in Südindien gekauft. 84 Tage lang, 1,4 Gigabyte täglich, das war mehr als genug, für 500 R. Nachladen geht nicht, mein Visum gilt noch 70 Tage, da lohnt es sich, eine neue zu kaufen. Und hier ist es erstaunlich einfach. Kopien von Pass und Visum, 4 Lichtbilder und ein Antrag zum Lachen. Z.B. der Vorname meines Vaters, obwohl der schon vor 45 Jahren gestorben ist. Der Name meiner Mutter interessiert sie nicht.

Es ist die gleiche Sim Karte, diesmal kostet sie nur 300 R. Sie kann erst am Dienstag Abend freigeschaltet werden, so lange bleibe ich noch hier. Falls es Probleme gibt, kann ich wieder zu diesem Büro kommen. 

Ich bin im nördlichsten Bundesstaat von Indien, offiziell heißt er Jammu und Kaschmir. Er ist (vereinfacht) in 5 Regionen unterteilt und seit der Staatsgründung von Indien und Pakistan im Jahre 1947 umstritten. China mischt auch noch mit. Es gab mehrere Kriege und Waffenstillstands Vereinbarungen, zur Zeit 

sind sie im Waffenstillstands Modus. Nach der militärischen Stärke könnte Indien mit Pakistan kurzen Prozess machen, geht aber nicht, weil China auch noch mitspielt und weil Pakistan wie auch Indien und China Atomwaffen besitzt. Trotzdem kommt es immer wieder zu vereinzelten Scharmützeln. Momentan stehen die nördlichen Regionen Gilgit und Baltistan unter pakistanischer Kontrolle, das östliche Aksai Chin unter chinesischer- und der Rest unter indischer-. Das sind Kaschmir im Westen, Jammu im Südwesten und Ladakh im Süden. Dabei ist Ladakh größer als Jammu und Kaschmir zusammen. Weil hier (ich bin in Ladakh) aber so wenig Menschen leben, hat das bei der Namensgebung keine Rolle gespielt. Sprachlich, religiös und kulturell handelt es sich bei den verschiedenen Regionen eigentlich um verschiedene Länder. Im Norden sind sie fast rein muslimisch und sprechen dardisch. In Kaschmir gibt es ebenfalls fast nur Muslime, die Sprache heißt Kashmiri und ist mit der dardischen verwandt. In Jammu gibts mehr Hindus als Muslime und die Sprache heißt Dogri, und in Ladakh gibt es etwa gleichviel Buddhisten und Muslime, die Sprache heißt Ladakhisch und ist die Mutter der tibetischen Sprache. Auch der Buddhismus kam von Ladakh nach Tibet und nicht etwa umgekehrt.

Wegen der vielen hohen Berge leben in Ladakh auf die ganze Region hochgerechnet nur 5 Menschen pro Qkm.

In ganz Jammu und Kaschmir gibt es auch nur 889 Frauen auf 1000 Männer (der Rest wird ermordet). Ein Drittel der Bevölkerung sind Analphabeten, das liegt über dem indischen Durchschnitt. Dagegen ist die Lebenserwartung mit 73 Jahren 5 Jahre höher als in Indien.

Der Verlauf der Waffenstillstandslinien ist nun seit 1949 im Prinzip unverändert, man muß ihn wohl als endgültig betrachten. Dass alle 3 beteiligten Regierungen den Konflikt trotzdem weiter am köcheln halten, hat politische Gründe, Politiker können Feinde gut für die Durchsetzung der eigenen Ziele verwenden. 

Mi 18.07. Westl. von Leh (km 10.730 / H 3200)

Ich wollte oder konnte es doch nicht abwarten, bis meine Sim Karte funktioniert, und bin schon am Dienstag früh zum Kardung La aufgebrochen. Entfernung 38 km, Höhe über 5300 m. 

Blick zurück nach Leh aus 4000 m Höhe, das liegt im Industal. Die Berge dahinter (ich schaue nach Süden) gehören zum Hemis Nationalpark, dort sollen u. a. noch 30 - 50 Schneeleoparden leben. 

5000 m hohe Schutthaufen, Überreste von ehemals viel höheren Bergen. 

Leider ist nichts aus dem Kardung La geworden. Ich hatte mir vorgenommen, am Dienstag bis South Pullu zu gehen, das war aber nur eine Polizeistation und da war dann Schluss, bei 4800 m. 

Erstens brauche ich ab hier ein Permit (das ist eine Extraerlaubnis für bestimmte Gebiete, kostet natürlich auch extra). Auf meinen Einwand, dass ich da andere Informationen habe, meinte er nur, die in Manali haben keine Ahnung. Zweitens ist es nicht erlaubt, alleine zu gehen. Es müssen mindestens zwei Personen sein. Und hier übernachten geht auch nicht, ich muss mindestens 2 km zurück, Sperrgebiet! Er diskutierte noch eine Weile geduldig mit mir, aber es half alles nichts, so sind nun mal die Vorschriften. Ich fand erst 4 km zurück einen geeigneten Zeltplatz, inzwischen war es stockfinster und saukalt. Permit in Leh und Mitfahrgelegenheit zum Pass ist mir zu blöd. Ich verzichte.

So bin ich heute wieder zurück nach Leh gegangen und dann noch 10 km weiter, das Industal flussabwärts, Richtung Kargil und Srinagar. 

In Leh habe ich meine Sim Karte freigeschaltet, nun funktioniert sie, wenn es ein Mobilfunk Netz gibt. Und hier gibts eins. 


Do 19.07. Basgo (km 10.755 / H 3100)

Natürlich habe ich nichts gefühlt. Dieser Berg soll einen massiven Eisenkern haben. 

Das Industal, Blick zurück nach Osten, demnach ist links Norden. Dort über die Gipfel läuft die Waffenstillstands Linie. 

Die gesamte Strecke seit Leh wird überwiegend militärisch genutzt. So ist es manchmal schwierig, einen Zeltplatz zu finden. 

Fr 20.07. Nurla (km 10.794 / H 2950)

Der grüne Fluss links ist der Indus, aus der Bildmitte (das ist Südwesten) kommt der Zanskar River. Er spielt nur die Rolle eines Nebenflusses, trotzdem dominiert er von nun an mit seiner braunen Farbe das Wasser des Indus. Der fließt weiter nach rechts, nach Nordwesten. Ich werde ihm noch ein paar Tage folgen, bis kurz vor Kargil, wo er ins pakistanisch kontrollierte Baltistan entschwindet. Von dort an muß ich weiter nach Südwesten, die Waffenstillstands Linie zwingt mich dazu. 

Sa 21.07. Khalatse (km 10832 / H 2900)

Obwohl alle 20 km eine Polizei Kontrollstelle ist und die jedesmal meinen Pass sehen wollen und mich und mein Vorhaben in ein dickes Buch eintragen, hat mir keiner gesagt, dass ich hier auch ein Permit brauche. Bekomme ich bei der Polizei in Leh. Hier kurz nach Khalatse teilt sich die Straße, beide führen nach Kargil, ich hab die rechte, die nördlichere gewählt und das war ein Fehler. Die südlichere ist weiter entfernt von der Grenze und das geht ohne.

Nach 3 Stunden haben die Polizisten geschnallt, dass sie mich nicht nach dem Permit gefragt haben und schickten mir einen Beamten hinterher. Der fuhr per Anhalter und bis er mich eingeholt hatte, war ich schon 18 km weiter, hinter Damkhar. Er hielt einfach jedes Auto auf, bis eines dabei war, das Platz genug hatte für uns und mein Gepäck. So fuhren wir zurück nach Khalatse, ich habe mich entschieden, den linken Weg zu gehen. Morgen. 

So sieht übrigens mein neues Zelt aus. Ist wunderbar, riesig, wenn nur das Gewicht nicht wäre. 

So 22.07. Lamayuru (km 10857 / H 3500 m)

Heute ging es wieder den ganzen Tag bergauf, diese Strecke ist sogar noch viel schöner als das Industal. Hier ist eine Gaststätte mit Internet, da habe ich gleich zu Abend gegessen, und schreibe meinen Bericht. Jetzt ist es 17 Uhr und ich gehe noch 2 Stunden weiter bergauf, aber dann finde ich sicher keine Verbindung. 

Spektakuläre Schluchten 

und Gesteinsformationen. 

Ich bin bloß noch eine Stunde gegangen, dann kamen dicke Wolken auf und es hat angefangen zu tröpfeln. Links war etwas, das ich für eine LKW Werkstatt gehalten habe und da gab es auch einige Plätze, die geeignet waren für mein Zelt. Solche Plätze sind rar im Himalaya, das Gelände ist sonst nie horizontal. Ich fragte einen vermeintlichen Mechaniker, ob ich mein Zelt hier aufstellen kann, ja, kann ich. Beim weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass dies militärisches Gebiet ist und er Soldat. Erst lud er mich zum Abendessen in eine tunnelförmige Blechbaracke ein und dann auch zum schlafen in dieser. Wunderbar, zur Zeit kann ich wieder essen wie ein Scheunendrescher. Er selbst schläft auch hier drin. Und sein Koch. Er hat scheinbar einen eigenen Koch. Dann gibt es noch einen Bauingenieur, aber der ist grad nicht da. Die beiden arbeiten beim Straßenbau, dafür ist hier in gefährlicher Grenznähe das Militär zuständig. Und sie heuern auch jede Menge ziviler Bauarbeiter an. Morgen habe ich eine Etappe von 30 km Länge ohne ein einziges Haus.

Geregnet hat es nicht, das tut es hier nie! Ein bisschen Tröpfeln ist schon das höchste was passieren kann. So sehen die Berge auch aus. Nur im Winter, da schneit es. Und es hat konstant - 14 bis - 16 Grad Celsius, ohne Schwankungen, 5 Monate lang. Hier hält das Militär die Straße auch im Winter frei, damit sie im Frühjahr keine böse Überraschung erleben. 

Mo 23.07. Budhkharbu (km 10.892 / H 3500

Nach weiteren 3 Stunden bergauf habe ich die Passhöhe erreicht. Ein Fuß hat 30,48 cm, das bedeutet, ich bin hier auf 4108 m. Mein Höhenmesser sagt ungefähr das gleiche.

Drüben gehts etwa gleich weit wieder runter. 

Di 24.07. Darket (km 10.937/H 2900m)

Der nächste Pass heute hatte nur noch 3700m. Insgesamt sieht es so aus, als ob die Berge hier weiter im Westen langsam niedriger werden. Es regnet auch mehr, aber nicht genug für eine Vegetation. Meine Ausrüstung hält kurzen Regenschauern stand, ob das auch längerfristig funktioniert, weiß ich noch nicht. 

Mi 25.07. Kakshar (km 10.980/H 2700m)

Kargil. 

Do 26.07. Bhimbat (km 11.016 / H 3100)

Es ist mir nicht gelungen, herauszufinden wo ich bin. Ich meine, immer noch in Ladakh oder schon in Kashmir. Zumindest bin ich in der Region Drass. Heute hat mich ein junger Mann in einem Bauerndorf auf einen Tee eingeladen und mit nach Hause genommen. Daraus wurde dann ein ganzes Frühstück mit der gesamten Familie. Kinder, Eltern, Onkel, Tanten. Es gab nur Tee und Roti (Fladenbrot), sonst nichts. Die Mutter ist 55 und schon dement, worüber sich alle lustig machen. In dem Wohnzimmer war nichts außer einem Teppich, auf dem alle im Schneidersitz Platz nahmen. 

Solche Viadukte haben schon die Römer gebaut.

Die Gegend wird immer einsamer, die Abstände meiner Futterquellen immer größer. Heute musste ich zum ersten Mal seit ewigen Zeiten wieder kochen. Für den ersten Versuch hat es eine 2 Minuten Nudelsuppe getan. Weil ich keinen Kocher mehr mitschleppen will, mache ich ein kleines Lagerfeuer, ein paar Steine drum herum, meine Schüssel drauf, fertig. Die Baumgrenze ist etwa bei 3800m, darunter findet sich immer Holz. Für höhere Lagen hab ich einen kleinen Vorrat gesammelt. 

Jetzt ist es 5 Uhr früh und ich habe vollen Empfang. Die Bilder kommen in nullkommanix. 

Kashmir

Fr 27.07. (km 11.043/H 3200)

Ich bin in der Mitte zwischen Drass und Baltal, ein winziges Dorf mit einer Handvoll Häuser, zwei davon Restaurants. In Drass hat man mir gesagt, die nächsten 70 km gibt es absolut nichts, kein Ort, kein Haus, nichts zu essen. Ich habe mich mit Vorräten eingedeckt, damit ich die Strecke autark überstehe. Und wilde Tiere solls da geben, auch Bären. Nachts nicht empfehlenswert. Auf Maps konnte ich aber auf knapp halber Strecke eine Moschee sehen, da bin ich jetzt. Außerdem gab es von Drass bis hier 3 Gaststätten. Solche unzuverlässigen Aussagen habe ich schon oft gehört, eigentlich meistens. Zumindest bis jetzt habe ich meine Vorräte umsonst mitgenommen. Wenn ein Mittagessen weniger als einen Euro kostet, dann koche ich nicht selber. Hier hab ich also zu Abend gegessen, und mit Erlaubnis des Wirts gleich daneben mein Zelt aufgebaut, natürlich umringt von Kindern und Erwachsenen. Auf einer Wiese gegenüber kamen Pferde näher ans Dorf, Wildpferde sagte man mir. Wie in Europa in einsameren Gegenden die Rehe. Und genau so positiv interessiert schauten die Leute zu. Später, ich schlief schon, kamen 3 Männer und weckten mich wieder, draußen machten die Hunde einen Höllenlärm. Da sind Bären, ich kann da nicht draußen schlafen. Meine Behauptung, die tun doch meinem Zelt nichts, ließen sie nicht gelten. Der Wirt sperrte seine Kneipe auf, sie halfen mir, mein Zelt abzubauen und ich musste in die Gaststätte umziehen. Das war nicht viel mehr als eine Garage, inclusive Küche. Dann sperrte er mich von außen ein. Um 6 Uhr früh kommt er wieder, dann gibts Frühstück. Gute Nacht. 

Aus der Mondfinsternis ist leider nichts geworden, erstens war ich eingesperrt und zweitens waren da draußen dicke Wolken. Hier hätte sie erst nach Mitternacht begonnen, wenn der Mond am höchsten steht. Ich wollte mir einen Wecker stellen, hatte mich schon die ganze Woche darauf gefreut. 

So 29.07. Sonamarg (km 11.067/H 2700)

Am Sa nachmittag hats wieder geregnet, da habe ich in einem rein gastronomischen Zeltcamp auf der nächsten Passhöhe Unterschlupf gefunden. Zoji La, 3500m. Das war der Kältepol meiner Himalaya Tour. Dank inzwischen ausreichender Bekleidung wars nicht so schlimm. 

Schon am späteren Nachmittag war wieder Sonnenschein, aber angesichts der Bären zu spät für die nächste Etappe von 25 km bis zum nächsten Ort.

Der Wirt lud mich zum Bleiben und Übernachten  in seinem Zelt ein, er selbst schläft auch hier. Auf meine Frage nach der Gefährlichkeit der Bären zeigte er mir dies: 

Die Löcher in der Zeltplane haben Bären gemacht, nachts, und er hat zugeschaut. Es handelt sich um Grizzlys, so groß wie Kühe, aber sie haben es nicht auf Menschen abgesehen, sondern auf die anderen Lebensmittel im Zelt und die Küchenabfälle. Trotzdem möchte ich ihnen lieber nicht allein in meinem Zelt begegnen. 


Diese Nacht gabs keine Zwischenfälle. 

Nach dem Frühstück bin ich wieder aufgebrochen, in Winterausrüstung. Der Wetter Ablauf derselbe wie am Samstag, erst Sonne, nachmittags Regen. Zu Mittag haben mich Soldaten zum Essen eingeladen. Die Militär Präsenz ist hier am höchsten bisher. Ständig LKW Kolonnen, beiderseits der Straße, alle 200 m kleine Gruppen von bewaffneten Soldaten, als ob sie jederzeit mit einem Angriff rechnen. 

Abends habe ich mich im nächsten Ort, in Sonamarg in einem touristischen Zeltcamp einquartiert, für 200 Rupies. 


Mo. 30.07. Gund (km 11.091/H 2100)

In den letzten Tagen haben einige Leute versucht, mir die politische Lage in Kashmir aus ihrer Sicht zu erklären, und das klingt ganz anders, als man offiziell darüber erfahren kann.

Sie fühlen sich weder Indien noch Pakistan zugehörig, sie wollen ein freies Land zwischen diesen Blöcken sein.

Zur Vorgeschichte: die liest sich ähnlich wie die der europäischen Gesellschaften, ständig Kriege zwischen einzelnen Ländern und Fürstentümern. 1526 wurde das Gebiet von den Moguln erobert, die aus Zentralasien kamen. Der Titel Mogul ist einem Kaiser vergleichbar. Später, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, hatten sie sich weite Teile Indiens, Pakistans und Afghanistans einverleibt, was ihnen aber nach und nach wieder abgerungen wurde. 1819 eroberten die Sikhs aus dem südlichen Punjab das Gebiet (der Sikhismus ist nicht etwa eine hinduistische Sekte, sondern eine eigenständige, monotheistische Religion). Dann kamen die Briten, deren Sieg erleichtert wurde durch Verrat einzelner Heerführer der Sikhs. Besonders einer, Gulab Singh, er war Hindu. Kashmir wurde ein Fürstentum und Gulab Singh zum Dank für seinen Verrat Maharaja und durfte dort seine Dynastie begründen. Das Volk war mit alldem nicht einverstanden, wurde aber nicht gefragt. Als die Briten ihr Engagement dort aufgeben mussten (viele Inder sagen heute noch, dank Hitler und betrachten ihn immer noch als Verbündeten), wurden 2 neue Länder gegründet, nach mehrheitlich religiösen Kriterien: das muslimische Ost- und Westpakistan und das hinduistische Indien. Es gab mehrere Fürstentümer, die oder besser gesagt deren Führer selbst entscheiden durften, welchem der beiden sie sich anschließen wollen. 

Fortsetzung folgt. 

Di 31.07. Hari Pora (km 11.121/H 1700)

Die Kashmiri wollten sich weder für Indien noch für Pakistan entscheiden und selbstständig bleiben. Es gab einen Vorschlag für eine Volksbefragung, daraufhin sickerten massenhaft Pakistanische Freischärler und später auch reguläre Truppen ein, um die Sache für Pakistan zu entscheiden. Der Maharaja bat Indien um Hilfe, diese wurde auch gewährt, unter der Bedingung eines Beitritts zu Indien. Indien kam, sah und siegte, aber nur im Raum Ladakh, Kashmir und Jammu. Der Rest ist seitdem umstritten. Später holten sich die Chinesen noch ein Stück, die Inder wehrten sich, verloren aber diesen Krieg.

Die Menschen in Kashmir wollen nach wie vor selbstständig sein, anerkennen die Entscheidung ihres Maharajas von 1947 nicht und empfinden Indien als Besatzungsmacht. Es kam zu Anschlägen und bewaffneten Auseinandersetzungen, Höhepunkt war um die Jahrtausendwende. Aber immer noch vermitteln die Inder mit einer übermächtigen Militärpräsenz den Eindruck einer Besetzung. 

Ich bin hier im Kashmirtal, das wird immer breiter, niedriger und wärmer. Die Berge sind wieder grün, es sieht aus wie in den Alpen. Der Fluss heißt Sindh river. An dessen Ufer habe ich einen optimalen Zeltplatz entdeckt. Aber bevor ich das Zelt auspacken konnte, war ich schon wieder von Menschen umzingelt. Sie fragten mich natürlich was ich hier mache und ich erklärte wahrheitsgemäß, dass ich in meinem Zelt zu übernachten gedenke. 

Einer von ihnen war der Besitzer dieses Luxushotels gleich gegenüber. Und der hat mich sofort eingeladen, in seinem Hotel zu schlafen und zu speisen, for free. Diese Einladung habe ich natürlich angenommen. 

Mi 01.08. Srinagar (km 11.151/H 1600)

Beim Frühstück hatte ich Mühe, seinen Vorschlag abzuwehren, noch ein paar Tage zu bleiben. Ich erklärte ihm, dass ich fast jeden Tag so ein Angebot bekomme und wenn ich darauf einginge, würde meine Weltreise 10 Jahre dauern. Das Essen und Geschirr machte einen sauberen Eindruck, das Bett nicht. 

Srinagar ist etwa so groß wie München und liegt auf demselben Breitengrad wie Zypern. Dank der Höhe sind die Temperaturen angenehm, etwa wie Bayern oder Österreich im Sommer, wenn nicht grad Hitzewelle ist.

Zelten ist in Großstädten immer schwierig, deshalb habe ich mich zu einer Übernachtung auf einem Hausboot überreden lassen. Mit Abendessen und Frühstück für 700 R. Auf dem Weg dorthin versuchten andere Hausboot Besitzer oder Angestellte auch, mich zu angeln und manche von ihnen sind unverschämt hartnäckig, aber ich wollte mich an meine Zusage halten und war nicht mehr an den anderen interessiert. Einen fragte ich, ob er weiß, was "no" bedeutet und als er das bejahte, brüllte ich ihn an, das dann auch gefälligst zu akzeptieren, was er dann auch machte. 

Mein Hausboot entpuppte sich als Pfahlhaus. Die arbeiten mit allen Tricks, nicht weil sie böse sind, sondern aus purer Not. Ich war der einzige Gast und hatte in diesem Pfahlhaus intensiven Familien Anschluß. Großeltern, Schwiegertochter und 4 Enkelkinder. Der Sohn arbeitet auswärts und kommt nur am Wochenende nach Hause. Zum Glück haben Schwiegermutter und -Tochter ein gutes Verhältnis, zu welchem Preis weiß ich nicht. Eines der Enkelkinder, ein 10 jähriger Junge, droht aus der Schule zu fliegen, weil die Familie das Schulgeld nicht bezahlen kann, der Großvater ist 55 Jahre alt, und braucht sein tägliches Medikamenten Cocktail (wohl auch dank seines Übergewichtes), was sie sich aber auch nicht leisten können. So haben sich schon etliche Schulden angesammelt, deren Zinsen und Tilgungsraten sie auch nicht bezahlen können. Geschweige dringende Reparaturarbeiten am Haus. Kurz: eine einzige Katastrophe! Ich muss mich bei dem armen Mann, den ich am Vorabend angebrüllt habe, entschuldigen, ich nehme stark an, dort sieht es nicht viel besser aus. 

Ich habe mich zu 2 zusätzlichen Urlaubstagen überreden lassen, bin auf den nächsten Berg gegangen, hier die Ansicht von oben. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt von diesem Dalsee. Der liegt an der Ostseite von Srinagar und ist ein einziges Labyrinth aus Inseln und Kanälen mit tausenden von Hausbooten, Pfahlhäusern und normalen Häusern auf den Inseln. 2 mal ist Mohammad (der Großvater) mit mir in seinem Ruderboot auf dem See spazieren gefahren, es war herrlich. 

Sa 04.08. Kanil Bagh (km 11.196/H1600)

Heute Abend habe ich mir wieder einen Zeltplatz gesucht und gefunden. Bevor ich das Zelt ausgepackt habe, hab ich noch Abendobst und Gemüse gegessen und im Nu war ich wieder umzingelt von Menschen, diesmal waren es aber Soldaten. Alle schwer bewaffnet, da bekommt man schon ein mulmiges Gefühl. Aber das sind die gleichen freundlichen Menschen wie die anderen auch. Und sie stellen auch die gleichen Fragen. Auch die, wo ich heute schlafe. Der Platz, den ich mir ausgesucht habe, war ihnen nicht sicher genug, letztlich musste ich mein Zelt direkt neben ihrem Kontrollposten, direkt am Straßenrand aufbauen. Was natürlich viel Lärm- und Staubbelastung bedeutet. Jegliche Widerrede war zwecklos, in Sachen Sicherheit fühlen sie sich als Experten. Und dass Lärm jemanden beim Schlafen stören kann, davon haben sie noch nie gehört. Sie können allesamt ihren Gehörsinn zum Schlafen abschalten. Zum Glück kann ich das auch.

Dafür brachten sie mir nochmal Abendessen: Dal (das sind verschiedene Bohnen und Linsen) mit Roti (dünnes Fladenbrot).


In der Gegend hier gibt es auch gefährliche wilde Tiere wie Tiger und Bären. Sagen sie. 

So 05.08. Anantnag (km 11.228/H 1600)

Heute und morgen ist Generalstreik in Kashmir, es geht um die Unabhängigkeit von Indien (ein Kaxit). Die indischen Soldaten scheinen etwas nervös zu sein. Einer hat behauptet, 5% der Kashmiri seien Terroristen (so hat man es ihm gesagt), was ich für eine Zweckübertreibung halte. 

Bei jedem Posten werde ich aufgehalten, muß mich erklären und den Deckel meiner Box öffnen und manchmal meinen Ausweis zeigen. Aber dabei sind sie freundlich wie immer und geben mir zu essen und zu trinken. 

2 mal wollte ich die Autobahn verlassen und kleinere Straßen benutzen, das hat die indische Armee verhindert. Zu gefährlich! Ich muss auf dem Highway bleiben. Das zeigt mir, wieviel Angst sie haben vor der Bevölkerung. Ich fühle mich dort sehr gut aufgehoben. Alle (die Englisch können) reden mit mir total offen und beide Seiten des Konfliktes betrachten mich als Verbündeten. 

Der Nachteil für mich sind teilweise 20 km lange Strecken ohne nix. Kein Haus, kein Restaurant, nicht mal so ein Saftladen mit nichts als Junkfood. Aber heute ist viel weniger Verkehr. Der Generalstreik wird von den meisten Leuten befolgt. Und wenn mal eine Gaststätte kommt, hat sie heute geschlossen. Ohne das Essen der Soldaten wäre ich aufgeschmissen. 

Die bösen wilden Tiere gibt es nur im Wald, sagte ein Einheimischer, dort sollte ich besser nicht übernachten. 


Di 07.08. Darishpora (km 11.275/H 1700)

Hier ist viel Wald, aber die Bären und Tiger sind tagsüber weiter oben in den Bergen, wo sie ihre Ruhe vor den Menschen haben. Aber nachts kommen sie runter bis an die Straße und in die Dörfer. Da haben sie auch ihre Ruhe, weil sich dann keiner mehr aus dem Haus traut. Ihre Haustiere haben die Bauern vorher sicher eingesperrt.

Und dort habe ich gestern kein Haus mehr gefunden. Nur eine Militär Station, aber die haben mich abgewiesen. Sie haben aber am Straßenrand kleine Hütten für ihre Streckenposten gebaut, hauptsächlich aus Wellblech. In so einer habe ich geschlafen. Ich konnte den Eingang mit Zaunpfählen verbarrikadieren, ob das allerdings so einen Menschenfresser beeindruckt ist zweifelhaft, ich habe trotzdem sorglos geschlafen. Nachts hat es geregnet und da offenbarte sich der erbärmliche Zustand. Natürlich können die kein neues Wellblech kaufen, das bedeutet, es hat viele Löcher. Auch das Dach. Für mein Zelt war die Hütte zu klein, aber da war eine Bank, auf der ich gut liegen konnte. Während des Regens musste ich aber Schlafsack und Isomatte zusammenrollen und ich konnte nur im Stehen einen trockenen Platz finden. Zum Glück ist Regen dort kein Dauerregen, wie in Deutschland üblich. Trotz Regenzeit. Nach einer Stunde war es vorbei. 

Zur politischen Lage in Kashmir habe ich wieder einige Meinungen gesammelt und da waren auch ein paar Stimmen dabei, die sagten, sie wären lieber bei Pakistan und von dort bekämen sie Hilfe, während Indien eine Besatzungsmacht ist. Bei der Unabhängigkeitsvereinbarung 1947 wurde festgelegt, dass aus den überwiegend muslimisch bewohnten Gebieten Pakistan werden soll und aus den hinduistischen Indien. 

Nirgendwo lebten aber nur Muslime oder nur Hindus. So kam es nach der Teilung zu schrecklichen Gewalttaten, Vertreibung, Pogrome, Flucht, auf beiden Seiten. Zu Jammu und Kaschmir (so heißt der Staat) gehört aber auch Ladakh. Dort leben etwa gleich viel Moslems und Buddhisten. In Kashmir fast ausschließlich Muslime und in Jammu mehr Hindus als Muslime. Und die Hindus wollen auf keinen Fall zu Pakistan, wegen der erwähnten Gewalttaten. Einen Teil haben sich die Pakistani gleich 1947 geholt, Gilgit und Baltistan, vermutlich mit Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit, weil ebenfalls muslimisch. Und Indien will ihnen keinesfalls noch mehr überlassen, aus politisch strategischen Gründen. Aber so gesehen denke ich, Kaschmir gehört tatsächlich zu Pakistan. Auch die UNO hat ein Referendum gefordert, wovon Indien aber nichts wissen will. Die indische Regierung bevorzugt den Konflikt und das nun schon seit 70 Jahren und vermutlich noch bis zum Sankt Nimmerleinstag. 

Abends begann es wieder zu regnen und just in dem Moment war da wieder ein Hotel, das preisgünstig aussah. Tatsächlich, 400 R, Toilette am Gang. 

Mi 08.08. Darishpora

Nachts bekam ich Durchfall mit Erbrechen, alles gleichzeitig. So schlimm war es auf meiner ganzen Reise noch nicht. Klar, in der letzten Gaststätte haben sie mich mit etwas Verdorbenem gefüttert.

Heute morgen fühlte ich mich krank und schlapp, da habe ich nochmal um einen Tag verlängert. Um mein Verdauungssystem zu beruhigen, habe ich heute nichts gegessen.